Oans, zwoa… gsportelt

Der Personal Trainer Klaus Reithmeier bietet ein Lederhosen-Training im Englischen Garten in München an. Ums Masskrüge-Stemmen geht es dabei nicht. Ein Selbstversuch

erschienen im FOCUS Magazin 

Ben, fesch schaust aus!“ Das Kompliment zieht. Noch eine halbe Stunde zuvor hatte ich mich ernsthaft erschrocken. Der Trachtenjanker: spannt zunächst. Die Lederhose: geht kaum zu. „Die kann man hinten noch weiter machen“, war der rettende Hinweis eines Freundes. Fesch sehe ich jetzt also aus, am Eingang zum Englischen Garten in München. Trachtenstrümpfe, Trachtenhemd, an den Füßen dunkle Haferlschuhe. Und nun? Zum Heimatabend, um auf Volksmusik und Austria-Pop zu tanzen? Der CSU-Staatssekretärin Dorothee Bär endlich den Hof machen? Oder doch zum herbstlichen Trinkgelage in den nächsten Biergarten? Nichts von alledem. Ich gehe zum Sport – in Lederhosen.

Klaus Reithmeier heißt der 32-jährige Personal Trainer, der sich gut eine halbe Stunde später als Drill-Instructor entpuppen wird. Klaus kommt aus dem schönen Berchtesgaden.Tracht, wie er sagt, hat er „mit der Muttermilch aufgesogen“, auch wenn die Mama aus Nordrhein-Westfalen stammt.

Klaus veranstaltet – außer im Winter – jeden Montag ein Lederhosen-Training im Englischen Garten. Die etwas absurde Idee kam ihm nach einer durchzechten Oktoberfest-Nacht. Er musste morgens zu einem Kunden – und die Lederhose behielt er an. „Das Training war einfach lustiger, ohne unprofessionell zu sein“, sagt Klaus, dessen Waden – zumindest auf den ersten Blick – breiter sind als meine Oberschenkel.

Auf 30 bis 40 Teilnehmer hatte er anfangs gehofft. Bei gutemWetterkommen mittlerweile 400 bis 500. Nächstes Jahr will er das Trachtentraining zweimal die Woche anbieten, auch in Regensburg und Augsburg, und bis 2020 in den verschiedensten Städten deutschlandweit.

Geld verlangt Klaus von den Folkloresportlern nicht. Er hofft, dass künftig Sponsoren seinen Einsatz finanzieren.

Weil das Oktoberfest bald losgeht, hat er sich für diesen Montag, den Tag meines Lederhosen-Training-Debüts, etwas ausgedacht: Zwei Burschen werden die Übungen mit Akkordeon und Gitarre ganz bayerisch begleiten. Klingt schräg. Aber es hilft.

Tatsächlich verspüre ich so etwas wie Vorfreude. Und das, obwohl sich Sport bei mir normalerweise auf Fußballgucken beschränkt. Und darauf, dass ich in der Arbeit regelmäßig einen Kollegen ein Stockwerk über meinem Büro besuche. Da nehme ich sogar die Treppe. Freiwillig.

Es ist 19 Uhr, langsam wird es dunkler. Im Farbenspiel von Blau zu Orange scheint die Kulisse – zwei Musiker mit Akkordeon und Gitarre, Lederhosen und Dirndl, kombiniert mit Turnschuhen, die in Neonfarben leuchten – noch surrealer. Manche Teilnehmer sind in Tracht gekommen, einige auch nicht. Tracht ist keine Pflicht. Nur Klaus trägt immer eine Lederhose am trainierten Leib.

„Ziel ist es, dem Körper einen Trainingsreiz zu geben, damit er stärker und leistungsfähiger wird“, sagt Klaus. Tracht als eine Brücke also, um den inneren Schweinehund mit Humor zu überwinden.

Los geht’s mit Koordinationstraining. Von der Ferse auf die Zehen, Arme nach oben und zurück funktioniert noch ganz gut. Doch schon bei den nächsten Übungen rächt sich, dass ich länger keinen Sport mehr gemacht habe. Auf einem Bein stehen, Arme nach oben, mit dem anderen Bein vor und zurück wippen, es dabei aber immer in der Luft behalten.

Mein Standbein fängt bald schon an zu zittern, die Wade beginnt zu schmerzen. Haltung bewahren, denke ich, jetzt bloß nicht umkippen. Denn hinter mir trainieren drei fesche Madln im Dirndl: Idrissa, Michaela und Steffi. Und die sind offenbar Gymnastik-Routiniers.

Nach einer halben Stunde bin ich völlig am Ende. „Reiß dich zusammen, verdammt!“, schreit es in meinem Kopf. Ich denke an den Film „300“. Ein paar Spartiaten nehmen es mit einem Heer aus Hunderttausenden auf. Und ich? Ich kann mich nach ein paar Übungen kaum noch auf den Beinen halten.

Nach 45 Minuten bekomme ich die Anweisungen von Klaus kaum mehr mit: „Gesäß weiter nach hinten!“, „die Arme noch höher!“, „Knie weg vom Boden!“. Doch der Fotograf schießt unverdrossen weiter Bilder und feuert mir Durchhalteparolen entgegen. Ich verliere immer wieder das Gleichgewicht. Will abbrechen. Der innere Schweinehund ist stocksauer auf mich. „Alle in die Liegestützeposition!“, ruft Klaus.

Nach einer guten Stunde ist das Training zu Ende. Mein schmerzverzerrtes Gesicht glättet sich, das Brennen in den Waden und im Oberschenkel klingt ab, das Stechen in den Armen schwindet, mein Puls beruhigt sich wieder. Und ein Effekt stellt sich ein, den ich noch von früher kenne, als Sport noch ein wichtiger Teil meines Lebens war: Ich fühle mich gut. Sehr gut sogar.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, ist der Muskelkater– zum Glück – weitgehend ausgeblieben, und ich habe tief und fest geschlafen. Noch deutlich vor der allerletzten Minute und erst nach dem zweiten Mal Schlummertaste-Drücken hüpfe ich bestens gelaunt aus dem Bett. Noch ein Kaffee. Ab in die Arbeit.

Im Büro angekommen, öffne ich meine E-Mails. Idrissa, Michaela und Steffi – meine Trainingspartnerinnen vom Vorabend – melden sich, fragen nach Bildern, auf denen auch sie zu sehen sind. „Vielleicht bis bald im Lederhosen-Training“, schreiben sie noch. Und tatsächlich: Ich denke ernsthaft drüber nach.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s