Laura fängt neu an

Der aus Kiwis und Erdbeeren pürierte “Feel Good”-Fitness-Saft aus der Kantine war für Laura Teil des mittäglichen Rituals geworden. Manchmal war sie mit ihren Kolleginnen essen, die sie zwar irgendwie mochte, aber nicht so sehr, dass sie eine von ihnen zu sich nach Hause auf ein Glas Wein eingeladen hätte. Und manchmal war sie mit den beiden Damen aus der Buchhaltung essen, die sie mit Anekdoten über die Kindererziehung und faltige Hemden bei Laune hielten. Besser gesagt, bei einer Laune hielten.

Seit einigen Monaten hatte sie starke Stimmungsschwankungen. Entstanden aus der immer währenden Frage nach der persönlichen Selbstoptimierung und der Tatsache, dass sie ihren Job als Medienmanagerin zwar mochte, aber eben nicht hier in dieser Kleinstadt und nicht bei diesem Unternehmen. Schließlich sprach sie drei Sprachen fließend, hatte sogar ein Semester in Italien studiert, und doch saß sie fest, hier in der Provinz. Sie wusste zwar, dass sie niemand gezwungen hatte, diesen Zweijahresvertrag zu unterschreiben, aber trotzdem. Laura hatte zwar gelernt mit ihren Stimmungsschwankungen irgendwie zu leben, aber nie wirklich mit ihnen umzugehen oder sie gar zu steuern. „So bin ich eben“, dachte sie.

Laura war leicht reizbar, wenn auch nicht offensichtlich. Für einen inneren Vulkan-Ausbruch reichte manchmal schon die verzwickte Lage aus, dass sie vom Erdbeer-Kiwi-Saft auf Orange-Banane umschwenken musste, wenn sie es mal nicht pünktlich um 12.30 Uhr in die Kantine schaffte. Duplos und Kinderschokolade spendeten ihr im Anschluss stets ein bisschen Trost und Genugtuung. „Das ist aber nicht dasselbe“, sagte sie dann mit einem aufgesetzten Lächeln, um sich zwar beschweren zu können, aber gleichzeitig von niemandem für verrückt erklärt zu werden. Das konnte sie gut. Alle hielten sie für eine emanzipierte Frau, die mitten im Leben steht.

Doch eine stetige Unzufriedenheit begleitete sie morgens nach dem Aufstehen ins Bad, ließ sie manchmal zwei oder drei Mal ihr Outfit wechseln, begleitete sie aus der Haustür, über den Tag hinweg und abends wieder zurück ins Bett. Sie hasste es einfach, hier zu sein. Unter Leuten, die nicht wie sie lange im Ausland gelebt hatten, keinen englischsprachigen Master in der Tasche hatten, die nicht, wie sie früher, Klavier spielten und Cello. Hochkultur war das Stichwort, nicht Weinfest.

Wirkliche Abwechslung bekam Laura nur am Wochenende, wenn ihr Freund sie besuchte, der als Medienmanager einige hundert Kilometer entfernt zwar den gleichen Job hatte, aber beim besseren Unternehmen, wie Laura fand. Das war nicht leicht für sie. Gut, er hatte mehr Berufserfahrung, musste selbst viele Rückschläge einstecken und Zwischenstationen hinnehmen, aber es machte sie eben wütend. Oder beruhigte sie auch, wenn er ihr half bei einem Projekt weiterzukommen. Das tat er oft.

Und er war es auch, der ihre Zweifel an dieser Beziehung – die seltsamerweise besonders ausgeprägt waren, wenn sie gerade ein besonders schönes Wochenende verbracht hatten – bereitwillig ertrug. Er wusste, dass es natürlich schwierig war, jemanden bedenkenlos zu lieben, sich fallen zu lassen, wenn man sich selbst nicht liebte. Doch er wusste auch, dass es das einzige Problem war. Sie waren beste Freunde, Kollegen, ein starkes Team im Schlafzimmer und im Alltag die stärksten Verbündeten gegen den Rest der Welt. Verluste spielten nie eine Rolle, ob Freunde, Bekannte, Kollegen. Deshalb fuhr er bereitwillig immer zu ihr, um ihr unnötigen Stress zu ersparen. Er liebte sie sehr. Und sie hatte ihn sehr lieb. Immerhin.

Ihren „Fels in der Brandung“ nannte sie ihn einmal. Er schaffte es fast immer, das Mantra in ihrem Kopf zu unterbrechen und ein warmes Gefühl der Nähe und Wärme in ihr aufsteigen zu lassen. Wenn nicht, hörte er geduldig zu, wenn sie ihre Wut auf ihren Job und  die Provinz stellvertretend an ihm ausließ. So oder so vergaß sie dann ihre Zukunftsängste oder schlimme Gedanken an ihre Eltern, die schon auf die 70 zugingen. Dann vergaß sie die Provinz für einen Moment, oder die unschöne Ernüchterung, dass sie auch der Umzug aus der winzigen Kellerwohnung in eine helle Dachgeschosswohnung nicht zufrieden stellen konnte. Dabei hatte sie fest damit gerechnet. “Dann wird alles besser”, hatte sie damals gesagt. Sie war ihm sehr dankbar für seine Geduld.

Wenn sie ins Bett gingen, streichelte er sie immer in den Schlaf. Mit den Fingerspitzen fuhr er ihr langsam über die Schläfe ins Haar und nutzte seine ganze Handinnenfläche ab der Hälfe des Kopfes bis zum Halsrücken. Dann schmiegte sie sich an ihn, wie ein kleines Mädchen, das Geborgenheit beim Vater suchte. Manchmal streichelte er sie so lange, dass er schon schlief und seine Hand trotzdem noch den Takt hielt, wenigstens einige Sekunden, bis sie langsam herab fiel und auf ihrer Schulter zur Ruhe kam. Manchmal weinte sie dann. Schlief er, schluchzte sie leise, wurde er wieder wach, tröstete er sie geduldig und strich ihr wieder durch das Haar bis sie endlich eingeschlafen war.

An diesem Sonntag im Juli dann fühlte sie sich endlich stark genug für einen Neuanfang. Einen Schritt nach vorne zu gehen, positiver zu werden, sich mehr fallen zu lassen und ihr Leben in den Griff zu bekommen. Die Zeit sollte endlich vorbei sein, in der sie sich über fehlenden Erdbeer-Kiwi-Saft aufregte, über ihren Job, über den Ort, an dem sie lebte. Schluss mit dem Selbstmitleid. Sie griff zum Macbook, öffnete Skype, rief ihren Freund an wie verabredet. Er ging ran, lächelte liebevoll in die Kamera. “Ich fühle mich so wohl in deinen Armen”, sagte Laura, “aber ich muss endlich alleine klarkommen”. Sie begann zu weinen. Er auch.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s