Exil-Iraner und Schrifsteller Bahman Nirumand: “Der Westen hat eine zweite Chance”

Bahman Nirumand ist Schriftsteller, Journalist und Publizist. In Teheran geboren, kam er mit 14 Jahren nach Deutschland. Nach Studium und Promotion ging er in den Iran zurück und schloss sich der Opposition gegen den Schah an. 1965 floh er erneut nach Deutschland und übernahm eine führende Rolle in der Auslandsopposition. Mit dem Ausbruch der Revolution kehrte er in den Iran zurück, musste aber 1981 wieder fliehen. Heute lebt er in Berlin. Nirumand ist Autor zahlreicher Bücher und Verfasser des Iran Report der Heinrich-Böll-Stiftung; er schreibt u. a. für ZEIT, Spiegel und taz.

Herr Nirumand, was ist der größte Unterschied zwischen Ahmadinedschad und Rohani? 

Ahmadinedschad suchte Konflikte, die er immer weiter führte. Er meinte, dass er mit dieser Position der vermeintlichen Stärke etwas erreichen könnte. Rohani ist für mehr Konsens, mehr Verständigung, Mäßigung und diplomatische Lösungen. Er versucht mit allen Ländern klar zu kommen.

Auch mit Israel?

Israel ist eine Ausnahme. Rohani würde Israel so schnell auf keinen Fall die Hand reichen. Aber den USA und Europa sehr wohl. Er hat ja schon einige Schritte unternommen: Das Telefonat mit Barack Obama oder das Treffen zwischen dem iranischen Außenminister Mohammed Dschawad Sarif und seinem amerikanischen Kollegen John Kerry. Alles deutet darauf hin, dass Rohani nach vorne schauen will und nicht zurück; dass er den Konflikt zwischen den USA und Iran lösen will.

Kann ihm das gelingen?

Rohani ist nicht die islamische Republik. Bei allem, was er sagt, muss man bedenken, dass es im Iran auch sehr starke Gegenkräfte gibt. Das zeigte sich bei seiner Rückkehr von der UN-Vollversammlung in New York. Am Flughafen erwarteten ihn zwei Gruppen. Die einen jubelten und begrüßten ihn, die anderen beschimpften ihn und riefen „Tot den USA“. Rechte Zeitungen schreiben jeden Tag, dass man den Vereinigten Staaten nicht trauen kann, dass man die lange Feindschaft zwischen den beiden Ländern nicht mit einem Lächeln wegwischen kann, dass man keine Kompromisse, keine Zugeständnisse machen darf. Die rechten Kräfte sind sehr aktiv und wollen keinen Kurswechsel. Man kann deshalb nicht sagen, dass jetzt alles gut wird, nur weil Rohani an der Spitze der Regierung ist.

“ER SCHEINT ENTSCHLOSSEN UND SELBSTBEWUSST”

Mit welchen Folgen für den Kurswechsel?

So eine ähnliche Periode hatten wir auch unter Chatami, der von 1997 bis 2005 regierte. Ein Reformer, der sich nicht gegen die radikalen Gruppen durchsetzen konnte. Aber im Gegensatz zu Chatami ist Rohani ein sehr versierter Politiker. Er scheint entschlossen und selbstbewusst seinen Weg zu gehen.

Wird sich Rohani auch gegen die Rechten im Land behaupten können?

Da bin ich skeptisch. Gewisse Kreise, auch bei den Radikalen, scheinen einzusehen, dass man diesen radikalen Kurs nicht fortsetzen kann, weil er das Land in den Abgrund führt. Wenn Ajatollah Ali Chamenei nicht zumindest einen Versuch der Annährung an den Westen unternehmen wollte, dann wäre Rohani gar nicht erst gewählt worden. Aber: 30 Jahre wurde das Volk gegen die USA und den Westen aufgepeitscht. Es ist ein sehr schwerer Prozess und die Regierung Rohani hat sehr viele Hürden zu nehmen.

Welche Kräfte im Iran sind stärker: Die modernen oder die konservativen?

Eindeutig kann man das nicht sagen.  Es gibt Konservative, die inzwischen eingesehen haben, dass der alte Kurs nicht funktioniert. Sie stimmen für Reformen und eine gemäßigte Außenpolitik. Es gibt aber auch Gruppen, die weiterhin für radikale Positionen sind.  Dazwischen gibt es Grauzonen. Manche sind für eine gemäßigte Außenpolitik, aber gegen eine gemäßigte Innenpolitik.

“ICH SETZE GROßE HOFFNUNGEN IN DIE JUNGE GENERATION”

Welche Rolle spielt die iranische Jugend?

Ich setze große Hoffnungen in die junge Generation, weil es dem Regime nicht gelungen ist, diese Menschen für sich zu gewinnen. Nur selten stehen Jugendliche hinter dem Regime. Die meisten wollen ein anderes Leben, Erfolg im Beruf, Spaß und Freiheit, was ihnen im Iran verwehrt bleibt. Sie stehen dank des Internets mit der Außenwelt in Verbindung und wissen, was jenseits der Landesgrenzen vor sich geht. Deshalb sind sie gegen die Radikalen. Nach Rohanis Wahl sind Millionen von Iranern auf die Straße gegangen, allen voran die jungen Menschen, und haben die Aussicht auf einen Kurswechsel bejubelt.

Wenn es in westlichen Medien um den Iran geht, sind die Rollen klar verteilt. Die Israelis sind die Guten, die Iraner die Bösen. Welchen Einfluss hat das auf den Öffnungsprozess?

Das schadet dem Prozess sehr. Das Bild, das die deutschen Medien über den Iran verbreiten, ist falsch. Der Iran ist eine sehr dynamische, sehr lebendige Gesellschaft. Schauen Sie einmal, was die iranischen Frauen trotz Unterdrückung für eine beeindruckende Entwicklung hinter sich haben. Frauen, die so selbstbewusst sind, trifft man nicht einmal in Europa. Aber auch die Jugendlichen, die Intellektuellen, die Schriftsteller, die Künstler, der iranische Film; der Iran ist eine lebendige Gesellschaft. Die Konservativen und Rechten sind eine Minderheit, aber sie haben die Waffen, die Geheimpolizei, die Armee. Alles Machtinstrumente, die sie schon einmal 2009 (Bei Protesten gegen Ahmadinedschad – Anm. d. Red.) mit einer ungeheuren Brutalität gegen das eigene Volk eingesetzt haben. Das Regime ist aber nicht Iran und eine Gleichsetzung führt zu einem verzerrten Bild.

Würden Sie dafür plädieren, dem Iran einen Vertrauens-Vorschuss einzuräumen und so einen Dialog auf Augenhöhe zu befördern?

Es ist nicht das erste Mal, dass sich der Westen mit der Frage beschäftigen muss, wie man mit dem Iran umgehen soll. Chatami war damals sehr kompromissbereit, hat sogar die Uran-Anreicherung für zwei Jahre ausgesetzt und das Zusatzprotokoll zum Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet, was der internationalen Atombehörde erlaubt, zu jeder Zeit, an jedem Ort, unangekündigte Kontrollen durchzuführen. All das hat er gemacht, und trotzdem haben die Amerikaner ihn vor allem abgewiesen, den Iran als Schurkenstaat, als Teil der ,Achse des Bösen’ bezeichnet. Die Folgen waren verheerend: Dadurch sind die Radikalen an die Macht gekommen. Nun hat der Westen eine zweite Chance.

Was wäre der entscheidende Vorteil einer Aussöhnung mit dem Iran? 

Der Iran ist eine regionale Großmacht, die sehr viel Einfluss in Afghanistan, Syrien, Irak, Libanon und Palästina hat. Die Probleme, die es in diesen Ländern gibt, kann man ohne iranische Beteiligung nicht lösen. Der Westen sollte deshalb Vernunft walten lassen und auf Rohanis Offerten reagieren. Etwa dadurch, dass man langsam die Sanktionen abbaut. Auf jeden Schritt, den die Iraner unternehmen, muss ein Gegenschritt des Westens folgen.

Die israelische Regierung überzeugt das sicherlich nicht.

Israel  bedauert, dass Ahmadinedschad nicht mehr an der Macht ist. Israel will die Konflikte schüren, um von anderen Konflikten abzulenken. Deshalb wird Israel nicht aufhören, dem Iran die Vertrauenswürdigkeit abzusprechen. Das ist genau das, was damals unter dem US-amerikanischen Präsidenten Bush passiert ist. Die Härte gegenüber dem Iran, die Abweisung jeglicher Kompromissbereitschaft. Das ist die falsche Politik.

“WIR HATTEN KEINE CHANCE”

Welche Rolle spielt Barack Obama im Konflikt zwischen Israel und Iran? 

Viele Amerikaner stehen unter dem Einfluss Israels. Vor ein paar Tagen haben einige Republikaner wieder schärfere Sanktionen gegen den Iran gefordert. Obama hat im eigenen Land die selben Probleme wie Rohani im Iran. Er weiß nicht, ob er sich gegen die Neokonservativen durchsetzen kann. Das kompliziert alles zusätzlich.

Noch kurz zu Ihnen. Sie sind einst vor der Schah-Regierung geflohen. Später in den Iran zurückgekehrt und mussten erneut fliehen. Beim zweiten Mal vor den Religionswächtern. Warum?

Ich hatte mit ein paar Freunden die erste große oppositionelle Organisation gegen die islamische Herrschaft gegründet: Die nationaldemokratische Front. Unsere Organisation wurde aber sehr bald verboten und ihre Mitglieder verfolgt. Eineinhalb Jahre musste ich im Untergrund verbringen und zusehen wie sich die Lage immer weiter zuspitzt. Meine Freunde haben mich schließlich gedrängt, das Land zu verlassen.

Was war schlimmer für Sie: Die erste Flucht oder beim zweiten Mal die Erkenntnis, dass es auch in der neuen Republik keinen Platz für Sie gibt?

Die zweite Flucht war sehr schlimm. Ich bin mit sehr vielen Hoffnungen in den Iran zurückgekehrt als die Revolution begann. Aus meiner Sicht deutete damals nichts auf eine Islamisierung des Iran hin. Die meisten Iraner hofften auf eine Demokratisierung des Landes. Ich habe versucht, mit anderen dem Weg, den Ajatollah Khomeini gehen wollte, entgegen zu steuern. Aber wir hatten keine Chance.

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