Aktivistin und Anwältin Felicia Langer: „Scharon war ein Schlächter“

Die deutsch-israelische Anwältin und Aktivistin Felicia Langer gilt für die israelische Regierung und die Rechten im Land als Nestbeschmutzerin. Seit Jahrzehnten kämpft sie für die Rechte der Palästinenser und wurde für ihr Engagement im Jahr 2009 von der Bundesregierung mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet. Im Interview spricht sie über den „Kriegsverbrecher“ Ariel Scharon, ihr schlechtes Verhältnis zu dem Publizisten Henryk M. Broder und erklärt, warum Sie überzeugt ist, dass Israel den Holocaust instrumentalisiert. 

Frau Langer, kürzlich ist Ariel Scharon gestorben. In Israel feiern ihn die einen als Kriegshelden, die anderen nennen ihn „Den Schlächter von Beirut“. Was ist er denn nun?

Es gibt Menschen in Israel und Menschenrechtsgruppen, die für Frieden sind und in Ariel Scharon einen Schlächter, einen Kriegsverbrecher sehen. Ich denke genau so über ihn. Wir kennen die Geschichte. Diejenigen, die die Massaker in Sabra und Schatila während des libanesischen Bürgerkriegs 1982 miterlebt haben, wissen Bescheid, auch über die Bombardierung Beiruts. Für diese Menschen und für mich ist Ariel Scharon ein Symbol des Bösen.

Das sieht die israelische Regierung anders.

Die israelische Regierung und die israelische Rechte suchen etwas Positives in Scharon. Etwa, dass er Gaza geräumt hat. Aber Gaza ist weiterhin besetzt und weiterhin unter totaler israelischer Kontrolle. Scharon hat in Gaza verbrannte Erde hinterlassen. Das Wichtigste ist, zu sehen, was er getan hat und seine Taten zu beurteilen und zu verurteilen. Was der Gerichtshof für Menschenrechte in Den Haag nie getan hat. Ariel Scharon hätte im Gefängnis sterben müssen und nicht als freier Mann.

In einem Nachruf über Scharon schreiben Sie: „Lobende Worte über Scharon von Angela Merkel, Schimon Peres und Ban Ki Moon, klingen für mich wie von einem anderen Stern.“

Das Lob war ekelhaft. Und selbst diejenigen, die Kritik geäußert haben, haben das in milden Worten getan, weil es um Israel geht. Denn Israel instrumentalisiert den Holocaust. Wenn man den Staat kritisiert, ist man Antisemit und davor haben die Menschen Angst. Scharon aber war ein Kriegsverbrecher. Wenn das, was damals in Sabra und Schatila passiert ist, irgendwo in Afrika passiert wäre, dann hätten die Kritiker auch von einem Kriegsverbrecher gesprochen. Nur die Menschen mit Gewissen haben genug Zivilcourage, um zu sagen, dass Scharon eine Tragödie für Israel war. Und alle Politiker, die in seine Fußstapfen treten, sind es ebenso. Doch Zivilcourage ist ein seltenes Gut.

“ISRAEL INSTRUMENTALISIERT DEN HOLOCAUST”


Trotzdem war Scharon politisch erfolgreich. Warum hat er es bis zum israelischen Premierminister gebracht?

Auch Benjamin Netanjahu ist politisch erfolgreich. Gut für ihn, aber für uns ist es ein Armutszeugnis, dass dieser Mann Premierminister ist. Auch Außenminister Avigdor Liebermann ist politisch erfolgreich, und ein totaler Rassist. Israel befindet sich in einem politischen Zustand, in dem es Druck von Außen braucht. Man muss den Menschen dort klarmachen, dass es so nicht weitergehen kann. Dass das, was Israel mit den Palästinensern macht, gegen das Völkerrecht ist und gegen alles, was sich die Welt in zwei Weltkriegen erkämpft hat.

Sie sagen, Israel instrumentalisiert den Holocaust.

Immer! In meinem Buch „Mit Leib und Seele“ schreibe ich im letzten Kapitel über Netanjahu und darüber, dass er den Holocaust für seine politischen Zwecke missbraucht. Ich sage: Hände weg! Hände weg von unseren Toten. Denn Israel benutzt Auschwitz für seine Zwecke. Entweder man soll den Iran angreifen oder man soll den Libanon angreifen. Und Frieden mit den Palästinensern will man nicht.

Haben Sie trotzdem ein Stück weit Verständnis dafür, dass Israel eine aggressive Außenpolitik betreibt? Immerhin ist das Land umgeben von potentiellen Feinden.

Sie wissen, es gibt das Völkerrecht. Und das Recht der Völker auf Selbstbestimmung. Wir als Israelis haben unseren Traum von der Selbstbestimmung im Jahr 1948 durchgesetzt. Wir haben die Palästinenser vertrieben und im Jahr 1967 auch noch weitere Gebiete okkupiert. Normalerweise sind solche Besetzungen nur temporär. Im Fall des israelischen Staates dauern die Besetzungen bis heute an. Das ist gegen das Völkerrecht. Dabei gibt es genug Initiativen für den Frieden, auch von arabischer Seite. Israel könnte als normaler Staat mit einem palästinensischen Nachbarn leben, der alle Rechte auf Selbstbestimmung in einem Staat mit zusammenhängenden Territorien besitzt…

…eine Zwei-Staaten-Lösung.

Dann hätte Israel die Möglichkeit, sich im Nahen Osten zu integrieren. Viele Juden haben früher schon in den muslimischen Gebieten gelebt und zwar nicht schlecht. Dann kam der Zionismus und man hat angefangen, Palästina zu besiedeln. Nicht der Islam ist das Problem in Nahost. Das Problem ist die Besatzung. Das Problem ist, dass ein Volk mit 4,5 Millionen Menschen keine Rechte hat. Und ein vermeintlicher Friedensprozess, der nichts anderes ist, als ein Prozess ohne Frieden. Israel will keine Lösung des Nahostkonflikts. Denn: Anstatt die Gebiete zu räumen, besiedelt man sie. Was ebenfalls gegen das Völkerrecht ist.

“ICH WAR IMMER AUF DER SEITE DER GERECHTIGKEIT”


Wann haben Sie eigentlich beschlossen, die Seite zu wechseln?

Ich habe nie die Seite gewechselt. Ich war immer auf der Seite der Gerechtigkeit. Ich bin 1957, im Alter von 19 Jahren, nach Israel gekommen. Damals war ich schon verheiratet. Und ich habe das Unrecht gesehen. Da habe ich mir gesagt: „Felicia, du bleibst hier, das wird deine Heimat sein, aber du musst etwas tun, denn das Unrecht schreit zum Himmel.“

Sie sind Menschenrechtlerin und gelten dennoch als überzeugte Kommunistin. Da denke ich auch an Stalin oder die Roten Khmer.

Ich bin keine Kommunistin mehr. Ich habe die Kommunistische Partei bereits 1990 verlassen, weil ich mit der Zeit vieles kritisch gesehen habe, was wir lange nicht gesehen haben. Aber Marxistin bin ich geblieben.

Wie gehen Sie mit den Vorwürfen ihrer Kritiker um? Henryk M. Broder hat mal über Sie geschrieben…


Felicia Langer stöhnt genervt auf, als sei Henryk M. Broder nur der kleiner Nachbarsjunge, der regelmäßig Streiche spielt. In einem Spiegel Online-Artikel schreibt Broder über Langer: „Die Palästinenser sind nicht das Objekt ihres Mitgefühls, sondern die Figuren auf dem Schachbrett ihrer Eitelkeit. Sie betreibt emotionalen Kolonialismus“. Langer wischt die Kritik einfach beiseite und den Namen Broder auch. Ich kann mir das Lachen nicht verkneifen.

Oh, Henryk Broder hat viel geschrieben. Alles was Broder schreibt ist Erfindung, Verleumdung und Verunglimpfung. Als ich das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse bekommen habe, da war es ganz schlimm. Aber ich habe mich zu seinen Lügen nie geäußert. Das haben andere übernommen. Mit einem Broder will ich mich eigentlich gar nicht auseinandersetzen. Was er schreibt ist abscheulich.


Broder ist nicht ihr einziger Kritiker. Vor der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse hat man ihnen öffentlich vorgeworfen, dass sie Wasser auf die Mühlräder der Antisemiten gießen. Wie gehen Sie mit solchen sehr persönlichen Angriffen um?

Ich lebe seit 1967, seit dem Sechstagekrieg, und eigentlich schon davor, in dem Bewusstsein, dass mich der Staat Israel als Feindin sieht. Ich habe mich daran gewöhnt, beschimpft zu werden. Ich bin nicht glücklich darüber, doch es macht mir nichts mehr aus. Denn ich weiß, dass ich einen wichtigen Beitrag für den Frieden leiste und helfe, eine Brücke zwischen den Israelis und den Palästinensern zu bauen. Bei dieser öffentlichen Kampagne haben mich auch viele Menschen verteidigt. So viele haben mich verstanden. So viele haben meinen Kampf für Frieden und Gerechtigkeit unterstützt. Das war eine kolossale Genugtuung.

“ICH KÄMPFE BIS ZUM LETZEN ATEMZUG”


Glauben Sie, dass es überhaupt irgendwann einmal Frieden geben wird?

Ich hoffe es. Ob ich das noch erleben darf, weiß ich nicht. Mein ältester Enkel, er ist 34 Jahre alt, hat mir einmal gesagt: „Ich werde das noch erleben und ich werde immer ein Teil von dir sein, Felicia.“ Das schreibe ich auch in meinem Buch. Vielleicht werden meine Enkel den Frieden miterleben, vielleicht sogar mein Sohn.

Was muss bis dahin passieren?

In der Geschichte hat es eine Situation wie die der Palästinenser noch nicht gegeben: Ein Volk, das keine Rechte hat, und die israelische Regierung, die die eigenen Gräueltaten verschweigt. Der Frieden kann also nur kommen, wenn wir Druck auf Israel ausüben. Irgendwann wird die Welt aufwachen und auch in Israel wird sich das Bewusstsein durchsetzen, dass die aktuelle Politik falsch ist. Aber mit der aktuellen Regierung, die rassistisch ist und nur das Land und nicht den Frieden will, sicherlich nicht.

Sie wurden im Jahr 1930 geboren. Wie lange wollen Sie noch kämpfen oder ist es langsam an der Zeit, etwas Ruhe einkehren zu lassen?

Diese Frage hat man mir schon einmal gestellt. Und ich sage Ihnen genau das, was ich damals geantwortet habe: Ich kämpfe bis zum letzten Atemzug, denn vom Frieden hat man nie genug. Genau wie von der Liebe.

Frau Langer, vielen Dank für das Gespräch. (erschienen im Januar 2013)

Zur Person

Felicia Langer wurde am  9. Dezember 1930 in Polen geboren. Langer ist eine deutsch-israelische Publizistin, Rechtsanwältin, Menschenrechtsaktivistin und alternative Nobelpreisträgerin. Seit 1990 lebt sie in Deutschland und seit 2008 hat sie neben der israelischen auch die deutsche Staatsangehörigkeit. Im Juli 2009 wurde ihr das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen, was aufgrund ihrer pro-palästinensischen und israelkritischen Haltung eine öffentliche Debatte über ihre Person auslöste. Ihr aktuellstes Buch heißt „Mit Leib und Seele – Autobiographische Notizen“ und erschien im August 2012. 

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