Mit geschlossenem Visier

Immer wieder stoße ich im beruflichen Alltag auf abersinnige Aktions- / Reaktionsmuster. Jüngstes Beispiel: Julian Reichelt, Online-Chef der Bild. Der schickte heute über Twitter zwei Bilder einer Postkarte in die Welt hinaus, auf der ihn jemand als „Esel“ bezeichnet. Dazu Reichelt: Die Menschen da draußen lieben mich einfach. Reichelt selbst sieht solche Anfeindungen nämlich als Bestätigung für die gute Arbeit, die er angeblich leistet. Nicht als das, was es tatsächlich sein dürfte: begründete Kritik, unsachlich formuliert.

Natürlich ist Reichelt in Zeiten einer Asyl- und Migrationskrise nicht der einzige Journalist da draußen, der negative Kritik gerne als Lob verbucht. Im Gegenteil, dieses Aktions- / Reaktionsmuster ist mittlerweile sogar ziemlich beliebt in der Medienwelt. Und dafür gibt es natürlich Gründe: So braucht man sich und sein Tun auch dann nicht hinterfragen, wenn tausende Menschen einem über die sozialen Netzwerke – mal mehr, mal weniger sachlich – zu Verstehen geben, dass man – aus der Sicht einiger – nicht die Anforderungen erfüllt, die man an einen Journalisten stellen sollte, der wirklich gute Arbeit leistet: Objektivität, Fairness, Recherche, eine ordentliche Schreibe, keine Leserbeleidigung.

Statt sich also mit Kritik zu beschäftigen – vor allem, wenn sie viele Menschen unabhängig voneinander äußern – verfällt man oftmals lieber in eine mediale Hybris und kommuniziert in der Reaktion auf die (unter Umständen völlig berechtigte) Kritik so, als wäre der Kritiker verblendet, ein Idiot, hätte keine Ahnung von dem, was er sagt oder schlicht nichts Gutes im Sinn. Und in letzter Instanz – dann nämlich meist, wenn es zu viele Kritiker werden – erfindet man einfach neue, negativ konnotierte Wörter wie „Wutbürger“ oder „Rechtspopulist“.

Ja, die Formulierung von Kritik an anderen Perspektiven, politischen Einstellungen oder religiösen wie familiären Vorstellungen als den eigenen, die geht schnell von der Hand. Aber von echter Konfrontation keine Spur, auch wenn sich einige Schreiber da draußen gerne so gebären als stünden sie währenddessen inmitten von AfD-Anhängern, bei Pegida oder wären dabei gewesen auf der Kölner Domplatte und hätten versucht, die aufgebrachten Massen zu beruhigen. In Wahrheit saßen sie allerdings in den Redaktionsstuben, bewacht von Sicherheitsleuten an der Pforte und verteidigt von kleinen Drehkreuzen und Kartenlesegeräten.

Der moderne Journalist ist sich oftmals eben schlicht zu fein, mit dem Pöbel – nach außen ganz freundlich als „der Leser“ tituliert – zu interagieren. Wieso auch? So ist es doch viel angenehmer, sich einfach weiterhin hinter den Mauern großer Medienhäuser zu verschanzen, und Angreifer mit heißen Kübeln voller Pech zu strafen. Das offene Visier, das liegt ihnen lange nicht mehr. Daran dürften – das aber nur am Rande – wohl auch die Grünen eine Teilschuld tragen, deren verweichlichten Reihen viele dieser künstliche Konflikte schürenden, aber echte Konflikte meidenden Schreiber entstammen.

Nun ist es natürlich nicht besonders nett, einen Herr Reichelt – oder überhaupt irgendwen – als „Esel“ zu titulieren. Die spannende Frage aber bleibt jedes Mal unbeantwortet: Wieviel Wahres ist da eigentlich dran?

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