Von Feinden und Freunden

Ein großes deutsches Wirtschaftsunternehmen macht gerade mobil. Gegen Arbeitnehmer, die Mitglieder der Grünen und der Linkspartei sind. Einige Angestellte wurden zu Gesprächen zitiert, manch einer kündigte freiwillig, andere wurden gegangen. Die politische Philosophie von Linkspartei und Grünen – die beide enge Verbindungen zur gewaltbereiten Antifa haben und Politiker unterstützen, die sich vor „Deutschland verrecke“-Schildern fotografieren lassen – solche Leute stellten „eine Kollision mit unseren Grundwerten“ da, heißt es in einer Pressemitteilung lapidar.

Der Drang zum politisch-motivierten Stellenabbau resultiert dabei aus zweierlei: Einerseits will das Unternehmen nicht, dass ihr Name mit den Grünen und den Linken verknüpft ist, andererseits hätten sich bereits Kunden beschwert, sie wollten mit diesen „Öko-Heinis“ und „Grenzmördern“ nichts zu tun haben. Eine Personalie bekommt aber noch mehr Aufmerksamkeit als die anderen: Thomas Spitzer, seinerseits Filialleiter in Essen und kürzlich von der CDU zu den Grünen gewechselt, weigert sich, seinen Schreibtisch zu räumen. Schließlich habe er über Jahre gute Arbeit geleistet, sich sozial engagiert. Seine poltische Meinung, findet Spitzer, sei doch kein entscheidendes Kriterium, wenn die Zusammenarbeit stimmt. Das Wirtschaftsunternehmen lässt das aber nicht auf sich sitzen, stellt auf stur und taub – und startet eine Schmutzkampagne gegen den ungeliebten Grünen in den eigenen Reihen.

Gibt’s doch gar nicht, denken Sie jetzt? Natürlich nicht. Diese Geschichte ist tatsächlich erfunden. Man stelle sich nur das Medienecho im aufgeklärten Deutschland des 21. Jahrhunderts vor, wenn wieder jemand anfängt, politisch unliebsame Zeitgenossen reihenweise aus Firmen oder Ämtern zu jagen. Man hat es vor wenigen Tagen ja gesehen: Groß war der Aufschrei, als Sultan Erdogan noch ein paar Tausend mehr Beamte vor die Tür setzte.

Schließlich ist Deutschland eine Demokratie, in der man sich, Weltbürger der man ist, notfalls auch demokratischer Mittel bedient, um gegen jedwede Hexenjagd vorzugehen. Und überhaupt: Bloß weil Claudia Roth vor einem „Deutschland verrecke“-Schild posiert, ist das doch noch lange kein Grund, alle Grünen als Deutschlandhasser zu stigmatisieren, oder? Eben.

Gott (meinetwegen auch Allah) sei dank, ist die Geschichte vom großen Wirtschaftsunternehmen, das politisch-motivierte Jagd auf die eigenen Mitarbeiter macht, weil sie Grüne oder Linke sind, erfunden. Naja, also fast. Wäre dieser Blog ein Kino, würde im Vorspann dieses Films wohl „beruht auf einer wahren Begebenheit“ stehen. Oder so ähnlich.  Denn die Geschichte selbst ist sehr wohl eine wahre, wenn auch die Rollen der Protagonisten im postfaktischen, linkseuphorischen Deutschland an obiger Stelle vertauscht wurden.

Hier die wahrheitsgetreue Auflösung: Das Wirtschaftsunternehmen ist ein Wohlfahtsverband, der Wohlfahrtsverband schlechthin eigentlich: die AWO. Und die hat natürlich kein Problem mit den Grünen oder der Linkspartei (Schießbefehle und „Deutschland verrecke“ hin oder her), aber eben sehr wohl mit der (demokratisch immer noch legitimierten) Alternative für Deutschland (AfD). Und Thomas Spitzer heißt in Wirklichkeit Guido Reil, war früher SPD-Ratsherr, wechselte kürzlich zur AfD, und will sich aber weiterhin im Essener Stadtteil Karnap in der Seniorenarbeit engagieren. Die Bedingungen sind denkbar ungünstig: Denn die AWO macht schon seit einiger Zeit mobil. Und damit ist nicht Essen auf Rädern gemeint. Denn wer Freund, wer Feind, das bestimmt die AWO natürlich selbst.

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