Das Jahr, in dem ich als Rechtsradikaler beschimpft wurde

Wenige Tage vor Weihnachten war es endlich soweit. Ich konnte die Früchte meines Aktivismus ernten, meines schreiberischen wohlgemerkt. Auf Twitter wurde ich endlich entlarvt als „der Rechtsradikale Ben Krischke“, natürlich markiert, sodass auch wirklich jeder, der mir folgt, zur Kenntnis nehmen konnte, dass ich ein Rechtspopulist, ach was, ein Neo-Nazi bin, der angefangen hat, für die Achse des Guten zu schreiben. Einer, der für die Achse des Guten schreibt, hinter der unter anderem ein Jude steckt.

Was muss nicht alles vor den inneren Augen meiner Follower, die zum Teil auch potentielle Auftraggeber sind, erschienen sein? Ich vielleicht, wie ich in einer schwarzen Uniform marschiere, die eine Hand am Smartphone, die andere voller Inbrunst zum Hitler-Gruß gestreckt, weil ich, dieser „Salon-Faschist“ (Zitat aus dem #KeinGeldfuerRechts-Pamphlet), sich erdreistet, öffentlich seine Meinung kund zu tun. Seit Wochen warte ich auf zwei Anrufe potentieller Kunden. Das Huawei schweigt. Kein Schwein ruft mich an.

An dieser Stelle sei angemerkt, dass ich mich – allen ökonomischen Zwängen zum Trotz – vor einigen Wochen entschieden habe, nicht mehr Montag bis Freitag ins Büro zu gehen, ja, mich entschieden habe, mich endlich loszulösen von den Zwängen, auch den politischen, die mit einer Festanstellung in einer Redaktion einhergehen. Ein Neustart sollte es sein. Ein guter Neustart, ein Schritt in die publizistische Freiheit.

Silvester habe ich im tiefsten Allgäu verbracht, an der Seite meiner Großmutter. Mein Großvater verstarb Anfang Dezember. Ein guter Mann, das sei an dieser Stelle unbedingt erwähnt. Der beste vielleicht. Und zwischen die – kaum existente – Übergangsphase von der Festanstellung zur Selbstständigkeit, zwischen einem tieftraurigen Begräbnis und dem Durst nach Neuem, schlug dieser eine Tweet vom „Rechtsradikalen Ben Krischke“ seine dicke, ekelhafte Schneise. Ich, dessen – sehr geliebte – kleine Schwester ein Mischling ist.

Es waren gute Tage, dort, im tiefsten Allgäu. Die Luft. Die Ruhe. Die Neujahrsansprache der Kanzlerin, vor der ich präventiv geflohen bin, um mich nicht aufregen zu müssen. So gab es doch Aufregung genug im vergangenen Jahr. „Warum stehst du auf?“, fragte meine Großmutter. Ich stand auf, ging auf den Balkon, um eine zu rauchen. Ich wollte diese Ansprache nicht hören, weil ich wusste, dass dieser Niemand, der mich über Twitter als „Rechtsradikaler“ verunglimpfte, und diese Kanzlerin, die – und zu dieser Meinung stehe ich – auch Mitverantwortung für das Attentat in Berlin trägt, zwei Kinder des gleichen Geistes sind. Des Geistes, der predigt, dass alles gut ist und wird. Der predigt, dass wir das schaffen. Freunde der Freiheit: Nichts ist gut!

So stand ich also auf diesem Balkon im tiefsten Allgäu. Und obgleich es mich eigentlich nicht interessieren sollte, traf mich der Vorwurf des „Rechtsradikalismus“ sehr. Mich, dessen Großeltern aus Ostpreußen fliehen mussten. Mich, dessen Großmutter – eine wunderbare Frau übrigens – zehn Jahre in einer Flüchtlingskaserne lebte und noch vor der Schule loszog, um Pilze oder Beeren zu sammeln für einen Laib Brot und etwas Margarine. Mich, dessen Großeltern väterlicherseits gerne in Nordmähren, das heutige Tschechien, geblieben wären.

Es ist ein seltsames Gefühl, den Ausweis für Vertriebene und Flüchtlinge seiner Großmutter in Händen zu halten, und gleichzeitig als „Rechtsradikaler“ beschimpft zu werden. Es ist ein seltsames Gefühl, die kurzsichtige Migrationspolitik der Kanzlerin zu kritisieren. Gegen das anzuschreiben, was zu Köln, Berlin, Nizza, Paris, London führte. Gleichzeitig zu wissen, dass die eigene Großmutter als Kind einen viel zu schweren Sack Briketts durch Eis und Schnee auf einem Schlitten nach Hause ziehen musste, damit am Abend ein bescheidenes warmes Essen auf den Tisch und wenigstens etwas Wärme in die Baracke kam. Und heute von „unserer“ Kanzlerin und ihren Gehilfen nicht einmal mehr differenziert wird zwischen jenen, die unsere Hilfe wirklich brauchen, und denen, die nur als Trittbrettfahrer die gleichen Pfade gehen.

Am Neujahrstag saß ich im Zug nach Hause, für den Weg noch zwei Bier im Gepäck. Mit mir reiste ein Mensch, den ich noch nicht lange kenne, aber der hoffentlich noch lange bleibt. „Was die alle nicht verstehen, ist, dass wir die Guten sind“, sagte ich ihm, irgendwo im Nirgendwo nach Hause. Und noch während ich diesen Satz sagte, hoffte ich, dass meine Kraft und meine Ignoranz auch in diesem neuen Jahr, diesem Schicksalsjahr vielleicht, ausreichen werden, um weiterhin für das einzustehen, woran ich glaube: an eine freie, demokratische, glückliche Gesellschaft, die gerade im Nebel der falschen Vorwürfe, der religiösen und politischen Fanatiker und der Blauäugigkeit einer Kanzlerin und ihrer Gehilfen zu ersticken droht. Ein Land, das vor einigen Jahrzehnten noch Zuflucht war und heute Tatort ist.

Nein, es lebt sich nicht gut mit dem Vorwurf man sei ein Rechtsradikaler. Wirklich nicht. Aber ich schreibe Texte wie diesen auch nicht zum Zeitvertreib, oder weil ich mir erhoffe, möglichst viel Applaus von der vermeintlich richtigen Seite zu bekommen. Jener Seite, die sich als Helldeutschland lobt, während sie im Dunkeln tappt. Sondern weil ich das Gefühl habe, dass aktuell etwas schief läuft. Dutzendfach. Tausendfach. Und weil ich auch 2018 noch in den Spiegel schauen möchte, ohne mir vorwerfen zu müssen, ich hätte die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Ohne mir vorwerfen zu müssen, ich hätte geschwiegen, wenn es an der Zeit war, zu brüllen. Und ich bin überzeugt, mein Großvater hätte das genau so gewollt. Dieser gute Mann, vielleicht der beste.

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3 thoughts on “Das Jahr, in dem ich als Rechtsradikaler beschimpft wurde

  1. Hallo Herr Krischke,
    bin durch Zufall über „Die Achse“ Homepage auf ihrem Blog gelandet.
    Obwohl ich sie nicht kenne, habe ich mich in jeder Zeile, in jedem Wort ihres Komentares
    wiedergefunden. Ja es ist in dieser Zeit schwierig für Menschen wie sie und auch für mich.
    Wenn man als gebildeter, politisch interessierter Mensch auf der angeblich falschen Seite
    der Moral steht. Dieser tägliche, perfide Angriff der Eliten, der Gutmenschen auf einen großen Teil der Bevölkerung, die einfach nur den Wahnsinn der tagtäglich in unserem Land passiert, durchschaut haben und nicht mehr mitmachen wollen. Es widert einen mittlerweile richtig an.
    Bleiben sie bitte trotzdem am Ball, Menschen wie sie werden gebraucht.Sie sind kein Nazi, kein Rechter.
    Ihre Texte zeigen, dass sie ein grundanständiger Mensch mit Charakter und Rückgrat sind. Bleiben sie sich treu, denn der eigentliche Richter über einen, sind nicht die da draußen, sondern der eigene Spiegel jeden Morgen. So lange man da noch rein gucken kann, ist alles in Ordnung!

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  2. Gerade eben bin ich auf Ihren blog gestoßen,über „Die Achse des Guten“,und las einige Artikel aus diesem Jahr.Was mich sehr berührt hat:Wie es einen doch trifft,als Nazi,Pack,Fremdenfeind usw. bezeichnet zuwerden,–und das,obwohl man weiß,das das nicht stimmt.Ich bin kein Mensch in der Öffentlichkeit,kann nur mit sehr wenigen meiner Angehörigen und Freunde über Politik reden,ohne daß es zum erbitterten streit kommt.Argumente zählen nicht,weil das Urteil unverrückbar fest steht–dabei sind es intelligente,nette Leute,größtenteils akademisch gebildet,belesen.Für mich ein Rätsel und fast zum Verzweifeln.
    Danke für Ihre Arbeit! Bleiben Sie dran und lassen sich nicht entmutigen,wir brauchen Sie !

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