Haltungsjournalisten im Buzzword-Chaos

Es hätte nicht viel gefehlt und auf meiner Visitenkarte stünde heute nicht „Journalist und freier Autor“, sondern „Heilpädagoge“ oder vielleicht „Psychotherapeut“. Haben Heilpädagogen Visitenkarten? Ich entschied mich Anno Dazumal allerdings gegen ein Psychologie- oder Soziale-Arbeit-Studium und für den Journalismus, der damals – zumindest nahm ich das so wahr – noch einen gewissen Anspruch hatte. Natürlich nicht in allen Redaktionen, versteht sich. Die BILD gibt es ja schon deutlich länger als mich, ebenso wie andere Boulevard-Medien, die aber immerhin noch als solche identifizierbar waren. Da gab es den Boulevard einerseits und die seriösen Medien andererseits. So einfach, so wundervoll.

Klingt nach Essstörung

Dann änderte – soweit ich das überblicke – zuerst FOCUS Online seine Vermarktungs-Strategie, andere (ehemalige) Qualitätsmedien folgten. Überschriften wurden boulevardesker, um mehr „Klicks zu generieren“ und erstmals hörte ich von dem Begriff „bouliös“, einer Mischung aus boulevardesk und seriös, was nicht nach Journalismus, sondern nach einer Essstörung klingt. Auf die boulevardesken Überschriften folgten boulevardeske Inhalte. Und zu diesen Inhalten gehören, spätestens seit Beginn der Asylkrise, auch allerlei Buzzwords, die regelmäßig zum Einsatz kommen, wenn eine Redaktion oder ein Politiker mal wieder „Haltung zeigt“.

Wenn man Medien und Redaktionen kritisch begleitet, kann ein bisschen Grundwissen im Fach „Pädagogik und Psychologie“ nicht schaden. Das bekam ich in der 11. und 12. Klasse der Fachoberschule. Ein Begriff aus der Psychologie ist das sogenannte Labeling, das in einem Online-Lexikon kurz mit „ Etikettierung, die Zuordnung zu einem Objekt oder das Verwenden erlernter Zuordungen“ beschrieben wird. Heißt: Man drückt etwas oder jemandem einen Stempel auf. Nicht selten hat das für die Opfer weitreichende Folgen, zum Beispiel soziale Isolation, was zu psychischen Erkrankungen führen kann. Labeling ist also nicht gerade das, was man unter einem gesunden und freundlichen Umgang mit seinen Mitmenschen versteht.

Die FAZ im Begriffs-Wirrwarr 

Dass sich viele ehemals seriöse Redaktionen mittlerweile ausgerechnet des „Labelings“ bedienen, um Kritiker oder politisch Andersdenkende zu diffamieren, gesellschaftlich zu isolieren oder schlicht mundtot zu machen, ist hinreichend bekannt. Besonders beliebt ist die Zuschreibung „Rechtspopulist“, gekoppelt an allerlei andere Labels wie „Rassist“, „Islamhasser“ oder „Schwulenfeind“. Auch das kann weitreichende Folgen haben. Nur, dass zur psychischen Belastung unter Umständen noch brennende Autos, gebrochene Gliedmaßen und massive Polizeiaufgebote hinzukommen. Es gibt aber auch gute Nachrichten: Denn viele Redaktionen scheinen sich zunehmend im eigenen Labeling-Chaos zu verlieren.

Neulich laß ich einen Artikel über Marine Le Pen auf der Online-Seite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in dem der Autor gleich mehrfach zwischen den Begrifflichkeiten „rechtsradikal“ und „rechtsextremistisch“ hin und her wechselte. Die Bundeszentrale für politische Bildung hilft bei der Aufklärung:

„Als extremistisch werden die Bestrebungen bezeichnet, die gegen den Kernbestand unserer Verfassung – die freiheitliche demokratische Grundordnung – gerichtet sind. Über den Begriff des Extremismus besteht oft Unklarheit. Zu Unrecht wird er häufig mit Radikalismus gleichgesetzt. So sind z.B. Kapitalismuskritiker, die grundsätzliche Zweifel an der Struktur unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung äußern und sie von Grund auf verändern wollen, noch keine Extremisten.“

Und weiter:

„Von den Behörden und der Sozialwissenschaft wird der Begriff Rechtsradikalismus (…) auf Personen und Organisationen gerichtet, die klar rechts der Mitte des politischen Spektrums stehen, dabei allerdings im Rahmen der Verfassung bleiben.“

Rechtsradikale und Rechtsextremisten – ob überhaupt eines der beiden auf Le Pen zutrifft, das sei mal dahingestellt – als ein und dasselbe zu verkaufen, ist in etwa so als würde man behaupten, Handball und Fußball sei der gleiche Sport, weil beides mit einem Ball und zwei Toren gespielt wird. Ein Politikredakteur, vor allem bei einer Instanz wie der FAZ, sollte – möchte man meinen – zwischen solch zentralen Begrifflichkeiten unterscheiden können. Liebes FAZ.net, wo rekrutiert ihr eigentlich eure Mitarbeiter? An der Bushaltestelle?

Macht kaputt, was Euch kaputt macht

In einem anderen Artikel, dieses Mal von der Berliner Zeitung, nimmt das Labeling derart groteske Formen an, dass man über obiges Beispiel nur milde Lächeln kann. Da schreibt ein Mitarbeiter zur Diskussion über Xavier Naidoo doch glatt, dieser sei zuletzt vermehrt in die Kritik geraten – und zwar wegen „rechtsextremen und populistischen Texten“.

Mal ernsthaft, liebe Berliner Zeitung: Wenn systemkritische Texte von Xavier Naidoo rechtsextremistisch sein sollen, was waren – beziehungsweise sind – dann eigentlich die Texte von einschlägigen Neonazi-Bands wie „Landser“ oder, pardon, „Zillertaler Türkenjäger“? Und wenn Systemkritik heute rechtsextremistisch ist, was waren dann eigentlich „Ton, Steine, Scherben“?

An dieser Stelle sei erwähnt, dass sich Claudia Roth ganz besonders über Naidoos Systemkritik empörte („Pegida-Sprech“). Die wiederum war mal Managerin von „Ton, Steine, Scherben“, die einst die Antifa-Hymne „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“ dichteten. Verrückt, oder? Aber das nur am Rande.

Sehen wir es positiv

Dass das Labeling in den Redaktionen und auch in der Politik solch absurde Formen annimmt, mag unangenhehm sein, vor allem für die Opfer. Aber sehen wir es positiv: Die Bedeutung der klassischen Medien wird weiter sinken, solange journalistische Grundsätze nicht mehr eingehalten werden, ebenso wie die Umfragewerte der Grünen, denen wohl gar nichts mehr helfen kann. Das hirnlose Um-sich-Schlagen könnte also auch ein Indiz dafür sein, dass einige Protagonisten in Panik sind. Und Panik beschleunigt bei Ertrinkenden bekanntlich das Ableben.

Kurzum: Ich freue mich schon auf die Bundestagswahl und auf die nächsten IVW-Zahlen. Und natürlich auf das neue Album der Söhne Mannheims – und alle Alben, die noch folgen werden, wenn andere längst in der Bedeutungslosigkeit versunken sind.

 

 

 

 

 

 

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