Was Medien im Umgang mit Charlottesville beachten sollten

In der Berichterstattung über Charlottesville paart sich Ignoranz mit politischem Lagerdenken. Kausale Zusammenhänge werden verschwiegen, US-Präsident Trump mal wieder ins Fadenkreuz der Medien gezerrt – und kaum jemand scheint zu verstehen, um was es wirklch geht: den gesellschaftlichen Nährboden, auf dem solche Gewaltausbrüche gedeihen können

Der Tod einer 32-Jährigen in Charlottesville schlägt seit Tagen hohe Wellen. Rechte bis rechtsextreme Gruppen, so heißt es, hatten am Freitagabend gegen die Entfernung einer Statue des Südstaaten-Generals Robert Lee demonstriert. In der Folge kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Rechten und Linken – und am Ende raste ein junger Mann mit seinem Auto in eine Gruppe Gegendemonstranten. Eine 32-jährige Frau, Heather Heyer, kam dabei ums Leben.

Sogar die NZZ schreibt sich in Rage

Donald Trump steht nun – mal wieder – im Fadenkreuz der Journalisten, der Demokraten sowieso, aber auch einige Republikaner schimpften lautstark auf den US-Präsidenten, der sich in einer ersten Reaktion auf Charlottesville nicht ausreichend von rechtsextremer Gewalt distanziert haben soll. Der Tenor in unseren journalistischen Breitengraden ist der gleiche und sogar die Neue Zürcher Zeitung, in politischen Debatten bisher eher als liberal-konservative und nüchterne Alternative aufgefallen, schreibt sich in Rage. Genauer, ein gewisser Beat Ammann, NZZ-Mitarbeiter in Washington.

Ammann wirft dem US-Präsidenten vor „ohne moralischen Kompass“ unterwegs zu sein. Der Grund: Trump hatte in erster Instanz Gewalt generell verurteilt, in zweiter Instanz erst konkret rechtsextreme Gewalt, in dritter Instanz, am Dienstag, wiederum verlauten lassen, dass es auf beiden Seiten vernünftige und friedliche Menschen ebenso gäbe wie unvernünftige Gewalttäter. Schläger also, denen das eigene Weltbild wichtiger ist als Demokratie, als freie Meinungsäußerung, als Debatten, und – wenn es hart auf hart kommt – sogar wichtiger als ein Menschenleben.

Trump hat recht

Nun könnte man – ganz nüchtern – einwerfen, ob US-Präsident Trump in letzter Konsequenz nicht tatsächlich recht hatte. Schließlich gehört zu seinen Aufgaben als US-Präsident auch alle Bürger in die Pflicht zu nehmen und für jeden US-Amerikaner, unabhängig von der politischen Gesinnung, körperliche Unversehrtheit einzufordern. Man könnte weiter darüber diskutieren, warum Relativismus bei islamistischen Terroranschlägen und linken Gewalttätern an der Tagesordnung ist, bei Anschlägen wie dem in Charlottesville aber angeblicher Relativismus entlarvt wird, wo vielleicht gar keiner ist.

Viel wichtiger und zentraler ist aber ein ganz anderer Punkt: Bei aller Wut über Charlottesville und aller Empörung über Donald Trump scheint nicht ein Kommentator auf die Idee gekommen zu sein, die kausalen Zusammenhänge zu hinterfragen. Ja, niemand scheint verstehen zu wollen, auf welchem politischen Nährboden Gewalt wie in Charlottesville gedeihen kann und warum.

Nahezu alles, was ich bisher zu Charlottesville gelesen habe, lief darauf hinaus, dass das große Problem rechtsextreme Gewalt sei. Ist sie nicht, nicht alleine jedenfalls. Das größte Problem ist viel mehr eine offenkundige Spaltung der Gesellschaft, die in Charlottesville vielleicht nur einen vorläufigen, traurigen Höhepunkt erreicht hat. Und an der tragen die Medien eine gewichtige Mitschuld.

Verschwiegene Zusammenhänge

Warum? Weil friedliche Linke, linksradikale Gewalttäter und alles dazwischen zu gerne als die gleichen „Gegendemonstranten“ verharmlost werden. Weil Liberal-Konservative, echte Rechtsextremisten und alles dazwischen zu gerne als „Rechtspopulisten“ oder als „Nazis“ bezeichnet werden. Weil zwischen der Toten in Charlottesville und der Zwangsversetzung eines „AfD-Lehrers“ in Niedersachsen mehr Zusammenhänge bestehen als den meisten Redakteuren und Reportern lieb ist. Und weil in der Berichterstattung über Charlottesville gänzlich ignoriert wird, dass die Gewalt zwischen linken und rechten Gruppen nicht in Charlottesville begonnen hat, sondern bei der Vereidigung Trumps, als marodierende sogenannte „Antifaschisten“ durch Washington zogen.

Auch wenn es zynisch klingt: Am Ende des Tages könnten wir gar von Glück reden, dass Heather Heyer bisher das einzige Todesopfer ist, das einem ideologischen Krieg zum Opfer gefallen ist, der mittlerweile sogar in Freundeskreisen und Familien ausgefochten wird. Und an den Fronten stehen Journalisten aktuell in der ersten Reihe, in Deutschland ebenso wie in den USA, nicht als Beobachter, sondern am Geschütz.

Wir alle brauchen einen moralischen Kompass

Nicht Donald Trump braucht einen moralischen Kompass, alle Protagonisten, von Zivilisten über Journalisten bis Politiker, brauchen einen moralischen Kompass. Und der sollte weder nach links, noch nach rechts zeigen, sondern in die Mitte. Wer ihm folgt, findet am Ende des Weges vielleicht etwas Vernunft – und leistet seinen kleinen Beitrag, dass Charlottesville nicht bald auch Hamburg oder Dresden erreicht.

P.S. Oder Bochum: Wie etwa Jouwatch unter Berufung auf die Polizei berichtet wurde dort am Samstag – ein Tag nach Charlottesville – ein Aktivist der Identitären Bewegung lebensgefährlich verletzt. Von der Antifa.

*Symbolbild: Zu sehen ist ein kanadisches Polizeiauto, das während der G20-Proteste in Toronto im Jahr 2010 aufgenommen wurde. Bildquelle unter cc-by-sa: flickr.com/yooldglory

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