Ein Brief an die stern-Redaktion

Lieber Herr Jörges, liebe stern-Redaktion,

haben Sie Verwandte für die Sie sich so richtig schämen? Und ich meine nicht die kleinen Peinlichkeiten, wie einen Onkel, der sich bei jeder Familienfeier komplett die Kante gibt, oder eine Cousine, die alle zwei Wochen ihren Freund wechselt, und jedes Mal ist der noch etwas dümmer und einfältiger als der davor. Nein, ich meine so richtig zum Schämen, weil bestimmte Verhaltensweisen und Aktionen dieser Person Sie eben nicht nur rot anlaufen lassen, sondern sich bei Ihnen jedes Mal der Magen umdreht, wenn die nächste horrende Peinlichkeit um die Ecke kommt, Sie jedes Mal einfach nur davonrennen wollen, weit weg, ohne Wiederkehr, ohne jeglichen Kontakt in der Zukunft.

Falls ja, dann können Sie vielleicht erahnen, was ich Ihnen mit diesem Brief sagen möchte. Falls nicht, dann gehen Sie bitte noch kurz in sich und Sie stoßen sicherlich auf jemand anderen, den Sie so richtig zum Kotzen finden. Die Freundin des besten Freundes zum Beispiel oder ein nerviger Arbeitskollege, also Leute, denen Sie bei aller Antipathie einfach nicht aus dem Weg gehen können, weil diese Menschen dank einem unglücklichen Zufall untrennbar mit Ihnen verbunden sind. Die Teufel im Teufelskreis.

Lieber Herr Jörges, liebe stern-Redaktion, ich möchte, nein, ich muss Ihnen eine kurze Geschichte über mich erzählen: Im Wintersemester 2008 begann ich voller Euphorie Journalistik zu studieren. Ich las voller Begeisterung Peter Scholl-Latours „Tod im Reisfeld“, den Film „The Bang Bang Club“, indem es um eine handvoll Kriegsfotografen geht, habe ich bestimmt acht oder neun Mal gesehen. Ich las große, spannende Reportagen, aus dem Inland wie Ausland. Und ich brachte Tage damit zu, mir großartige Dokumentationen auf Youtube anzusehen. Häufig stand dabei ein mutiger, aufrichtiger Journalist im Mittelpunkt, der seine Gesundheit, ja, sein Leben aufs Spiel setzte, um für echte Demokratie und wirklich freie Meinungsäußerung zu kämpfen. So sahen meine Vorbilder aus.

Ich fing ganz unten an, als Student in einer Lokalredaktion, mit kleinen Artikeln über die städtische Müllversorgung oder lokalste Lokalpolitik, in der Themen wie Baumfällungen oder der neue Rewe an der Ecke die großen Aufreger waren. Ich war diverse Male Praktikant bei großen und mittleren Medienhäusern, war jeden morgen pünktlich in der Arbeit, zu einem Hungerlohn, der aber weniger schlimm war als die geringe Wertschätzung manch etablierter Kollegen. Ich kassierte zahlreiche Einläufe, von denen jeder einzelne richtig und wichtig war, und arbeitete stets weiter daran, meine journalistischen und schreiberischen Fähigkeiten zu verbessern. Ich absolvierte ein Volontariat, was mich neben viel Zeit auch viel Nerven kostete, wurde im Anschluss Print-Redakteur, und arbeite heute, so steht es auf meiner Visitenkarte, als Journalist und freier Autor.

Wissen Sie, ich wollte unbedingt Journalist werden, am Besten ein zweiter Peter Scholl-Latour, dessen Sichtweisen ich nicht immer teilte, der als Journalist und Reporter aber zweifellos einer der ganz Großen war, einer „der letzten Welterklärer“, wie ein Printmedium nach seinem Tod richtig titeltete. Blut, Schweiß und Tränen, alles für die Liebe zum Journalismus, der Kunst, zwischen den politischen und wirtschaftlichen Eliten und dem einfachen Volk zu vermitteln. Die Kunst, keine Angst davor zu haben, Falsches zu kritisieren, aber immer mit Niveau und immer auf der Basis journalistischer Grundsätze wie Objektivität, der Verifizierung von Quellen, der Achtung der Menschenwürde und so weiter. Nicht nur ein Beruf, sondern eine Berufung.

Warum erzähle ich Ihnen das alles? Nun ja, in den vergangenen zwei, drei Jahren hat sich Vieles verändert. Aus dem glühenden Journalist, den ich Ihnen bis hierhin beschrieben habe, ist jemand geworden, der sich mittlerweile bei neuen Bekanntschaften nicht mehr „Journalist“ nennt, sondern lieber als „Texter und freier Autor“ vorstellt. Jemand, der ein zweiter Peter Scholl-Latour werden wollte, ist heute jemand, der sich an manchen Tagen nur noch schämt für seine Zunft wie für einen hochgradig peinlichen Verwandten. So regelmäßig, dass er manchmal am liebsten umschulen würde. Irgendwas ohne Medien machen, irgendwas, das ohne Hysterie, Alarmismus und eingeschränkte Weltbilder auskommt. Ohne Arroganz und Ignoranz, etwas Wahres und Echtes.

Je mehr ich verfolgen muss, wie der ehemals seriöse Journalismus stirbt, wofür ihr aktuelles Titelbild über Trump – der eingehüllt in eine USA-Flagge den Arm zum Hitlergruß streckt, Titel „Sein Kampf“ – nur ein weiteres, trauriges Indiz ist, desto weniger habe ich noch zu tun mit dem jungen Journalistikstudent, der ein zweiter Peter Scholl-Latour werden wollte. Sie können mir das glauben oder nicht: Aber ich schäme mich so sehr dafür, was heute auf dem Rücken des Journalismus ausgetragen und welcher Unsinn verzapft wird, dass es mich manchmal sogar um den Schlaf bringt. Das mag Ihnen vielleicht übertrieben und lächerlich vorkommen, aber das wäre wohl nur ein weiteres Indiz dafür, dass der Journalismus – pardon – heute ziemlich am Arsch ist. Von ganz wenigen Lichtblicken mal abgesehen.

Heute – und das meine ich wirklich ernst – denke ich manchmal, ich sollte umschulen und Gärtner werden. Dann könnte ich frühmorgens aufstehen, meine grüne Schürze überwerfen und hinaus in den Garten gehen, Schnittlauch und Petersilie beim Wachsen zusehen, von den Bäumen gefallene Äpfel und Birnen einsammeln, vielleicht – nur so zum Spaß – noch einen kleinen Teich anlegen und mich über jeden Frosch freuen, der das kleine Biotop zu seinem Zuhause macht. Ich könnte durch den Garten oder ein Gewächshaus laufen, gießen und anpflanzen, umgraben und Unkraut zupfen, mit Pflanzen, Kräutern, Obst und Gemüse reden, anstatt aus der Ferne mit Ihnen.

Ich würde mich bei Facebook und Twitter abmelden, Ihre Posts und Tweets und die der anderen Kollegen – von Spiegel Online bis Ze.tt – nicht mehr verfolgen, den Kiosk meines Vertrauens nur noch für einige Flaschen Bier und eine neue Packung Zigaretten aufsuchen. Keine Politik mehr, kein Journalismus mehr. Und würde mich jemand fragen, was ich beruflich mache, könnte ich stolz sagen, dass ich Gärtner bin. Das wäre zwar nicht ganz so spektakulär wie Journalist, aber ich müsste mich auch nicht mehr in Grund und Boden schämen, sondern Grund und Boden nur noch pflegen, wenn Sie mir das kleine Wortspiel gestatten. Das Problem ist nur: Wer wegsieht macht sich zum Mittäter – also schreibe ich einfach weiter.

Es gibt schließlich Grund zur Hoffnung: Da sich der einst seriöse Journalismus, was sich unter anderem am Vertrauensverlust in der Bevölkerung und den sinkenden IVW-Zahlen ablesen lässt, gerade selbst abschafft, wird er irgendwann wohl Vergangenheit sein. Und, das wissen Sie, ich und alle anderen auch: Ein Ende kann immer auch ein Anfang sein. Wie ein Garten, der im Winter stirbt, und im Frühling neu erblüt. Ich kann es kaum erwarten.

Mit freundlichen Grüßen

Ben Krischke

Bildquelle: Screenshot Stern.de

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