Auf dem Rücken des Fußballs

Die Fußballweltmeisterschaft soll, das fantasiert die Grüne Jugend alle vier Jahre wieder herbei, ein Hort für ungehemmten Nationalismus und Chauvinismus sein. Die WM wird, bemerke ich alle vier Jahre, gerne als Spielfeld für moralische Hoheitskämpfe genutzt. Im Dunstkreis von Bällen und Bier bringt sich da nicht nur die Grüne Jugend in Stellung, um ihre krude Deutschvolksicht zu verbreiten. Auch Beiträge, die sich über die hohe Aufmerksamkeit des Fußballs echauffieren, während anderswo vermeintlich Wichtigeres geschieht, haben Konjunktur. In den Medien ebenso wie auf Facebook oder Twitter. Das ist auch bei dieser WM nicht anders.

Denn bekanntlich liegt in Mütterchen Russland einiges im Argen, also wurde im Vorfeld der WM ernsthaft diskutiert, ob ein Boykott derselbigen mindestens angemessen, wenn nicht verpflichtend wäre. Die Gründe liegen für die Boykott-Befürworter auf der Hand, darunter der Umgang mit Homosexuellen, Journalisten und Oppositionellen im größten Land der Erde. Für letztere Gruppe steht exemplarisch der Fall Oleg Senzow. Der Filmregisseur wurde aufgrund angeblicher „terroristischer Vergehen“ in Sibirien inhaftiert und protestiert dagegen gerade mit einem Hungerstreik. „Auf Leben und Tod“, wie die Kulturwissenschaftlerin Kateryna Botanova jüngst in der Neue Zürcher Zeitung schrieb. Botanovas Text über Senzow trägt die Überschrift „Wir schauen Fußball, derweil Oleg Senzow im Gefängnis stirbt“. Gucken wir Fußballfans aktuell nicht einfach nur hin, sondern gleichzeitig weg? Sind wir moralisch bankrott, solange das runde Leder rollt?

Keine Quote, keine Inklusion
In seiner grundsätzlichen Ausrichtung ist der Fußballsport erst einmal denkbar unpolitisch. 22 Spieler, ein Ball, zwei Tore, das Team mit den meisten Treffern gewinnt und: „Grau ist alle Theorie – entscheidend is auf’m Platz“ (Adi Preißler). Keine Quoten, keine Inklusionsbemühungen, wonach der Schwächste im Team das Tempo vorgibt. Meistens ist der Fußball auch alles andere als politisch korrekt, was wahrlich etwas Heilsames hat, wie ich aus eigener Erfahrung als Fan und Hobbykicker zu berichten weiß. Gerade wenn man sich permanent mit moralischen Zurechtweisungen auseinandersetzt, egal ob direkt (in der Diskussion mit Arbeitskollegen) oder indirekt (Anja Reschke).

Und dennoch kann auch der Fußball zum Politikum werden. Man lese nur die unbedingt empfohlene Geschichte von Kurt Landauer. Aber auch das Alkoholverbot bei Champions-League-Spielen, der Umgang mit Pyro-Technik oder die Frage, ob Red Bull den deutschen Profifußball eher beflügelt oder doch abstürzen lässt, sind selbstverständlich politische Themen. Da geht es in den Debatten mitunter hitziger zu als in Streits um die deutsche Zuwanderungspolitik. Klar ist: Der Fußball findet sich heute in einem Spannungsfeld wieder, in dem die Interessen der ganz normalen Fans, die sportlich-finanziellen Interessen der Spieler und Clubs sowie die politisch-finanziellen Interessen der Verbände – national wie international – zunehmend kollidieren. In diesem Spannungsfeld wurde denn auch die Kampfansage „Gegen den modernen Fußball“ geboren, die mittlerweile häufiger auf T-Shirts der Ultras zu lesen ist.

Ein unwürdiges Zerrbild
In dieses Spannungsfeld stößt seit geraumer Zeit nun eine weitere Interessensgruppe, die gar nicht am Fußballsport interessiert ist, auch nicht an seiner Entwicklung oder Zukunft, sondern an der Plattform Profifußball, an der es sich moralisch zu partizipieren lohnt, weil er wahlweise recht einfach als Katalysator für Aufmerksamkeitsbemühungen dienen kann. Oder als Problemort gesehen wird, an dem man sämtliche Instrumente des linksgrünen Pädagogikwerkzeugkoffers anwenden kann, weil man sie anwenden muss. In diese Kerbe schlägt – leider, muss man sagen – auch der Ansatz, den Kateryna Botanova in der NZZ verfolgt. Der Fußball beziehungsweise die Fußballweltmeisterschaft wird als unmoralisches Gegengewicht zum wahren Leben (am Austragungsort) konstruiert – und als Beweis präsentiert, dass sich der Homo Einunzwanzigstesjahrhundertus mehr an Jogi Löws Auswechselphobie stört als an den Schrecken dieser Welt.

Unwürdig jedoch das Zerrbild, das dadurch entsteht. Denn nirgendwo sonst sind äußere Merkmale, Sprache, Bildung oder Einkommen unwichtiger als auf den Stadienrängen. Nirgendwo sonst begegnen sich so viele Nationen friedlich, von den wenigen Problemfans einmal abgesehen. Ein bisschen Samba mit den Brasilianern, ein „Huh!“ mit den Isländern und auf einen Sliwowitz mit den Kroaten. Wenn der Iran spielt, stehen plötzlich Männlein und Weiblein ganz selbstverständlich gemeinsam in der Kurve. Und schießt Deutschland ein Tor, fallen sich schwarz-rot-gold bemalte Fremde auf der Berliner Fanmeile ganz selbstverständlich in die Arme. Wer angesichts solcher Bilder meint, der Fußball sei nur ein Ausdruck fehlgeleiteter Prioritätensetzung, der irrt – ganz offenkundig.

Allerdings kann ich mich des Eindrucks ohnehin nicht erwehren, dass jene, die den Fußball als moralisches Vakuum oder antimoralisches Gegengewicht stigmatisieren oder meinen, Fußballfans interessierten sich nicht für die wirklich wichtigen Dinge dieser Welt, noch nie in einer Fankurve gestanden sind. Das gilt für Jugendorganisationen ebenso wie für den ottonormalen Twitter-User, der gegen den Fußball twittert und alles retweetet, was diesen wunderbaren Sport als wirren Klamauk zeichnet. So hört doch, wer richtig lauscht, die leisen Zwischentöne, aus denen die Abneigung gegen den Fußballsport insgesamt spricht, weil der Fußball wahlweise banal, gewalttätig oder rechter Proletensport sein soll und damit – frei nach der Grünen Jugend – doch irgendwie auch eine Keimzelle des Faschismus. Zur Wahrheitsfindung empfehle ich einen Nachmittag im Stadion – bei zwei, drei kühlen Bier.

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