Ein Journalisten-Verband, der keiner ist

Eigentlich ist die Sache recht simpel. Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft vertritt die Interessen bayerischer Unternehmen, der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter vertritt die Interessen der Milchbauern, der Deutsche Tierschutzbund ist um das Wohl der Tiere hierzulande besorgt und professionelle Hypnotiseure organisieren sich – heißt es jedenfalls auf der Homepage des entsprechenden Vereins – im Deutschen Verband für Hypnose.

Deutschland ist damit nicht nur das Land des Mittelstandes, des Ex-Fußballweltmeisters und der ewigen Gottkanzlerin. Deutschland ist auch das Land der Interessenverbände. Unzählige Vereine gibt es, deren zentrale Aufgaben darin bestehen, nah an Strippenziehern, Entscheidungsträgern und Meinungsführern aus Politik, Medien und Wirtschaft zu „gestalten“ oder im Fall der Fälle – etwa bei Angriffen durch Dritte – für ihre Mitglieder in die Bresche zu springen.

Der größte Verband für Journalisten (generisches Maskulinum) hierzulande ist der Deutsche Journalisten-Verband (DJV). Welche Ziele der DJV verfolgt, kann auf der Homepage des Verbandes nachgelesen werden. Dort steht unter „Profil“: „Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) vertritt die berufs- und medienpolitischen Ziele und Forderungen der hauptberuflichen Journalistinnen und Journalisten aller Medien. Er ist politisch wie finanziell unabhängig und handelt ohne sachfremde Rücksichtnahmen. Der DJV achtet und fördert die publizistische Unabhängigkeit seiner Mitglieder.“

Eine Journalistin, die für ihre publizistische Unabhängigkeit gerade in den „sozialen“ Medien gesteinigt wurde, ist die DIE ZEIT-Korrespondentin Mariam Lau. Wir erinnern uns: Nachdem sie sich in einem Pro-und-Contra-Beitrag unter dem Titel „Oder soll man es besser lassen?“ kritisch mit den negativen Folgen, also der Kehrseite der privaten Seenotrettung auseinandersetzte, brach über sie und die Redaktion der DIE ZEIT die Kommentar-Hölle herein. Denn im Lager der linksliberalen, laut eigenen Angaben echten Demokraten sieht man es bekanntlich gar nicht gerne, wenn jemand – tatsächlich oder auch nur vermeintlich – aus der Open-Border-Utopie ausschert. Die Wut darüber ging so weit, dass man Lau gar Tod durch Erschießen wünschte. Wenn auch indirekt, wenn auch im Deckmantel der Satire, aber dennoch. 

Gleichzeitig kamen aber auch allerlei Solidaritätsbekundungen aus dem erweiterten Kollegenkreis. Von Bild-Chefredakteur Julian Reichelt ebenso wie vom – die Objektivität in der Asyldebatte häufig vermissen lassenden – Stern. Von der Deutsche-Welle-Chefredakteurin Ines Pohl (früher taz) ebenso wie von Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer, der mittlerweile auch ein gefragter Gastautor ist, weil er wohl am besten nachvollziehen kann, was es bedeutet, wenn man von den eigenen Leuten als persona non grata geschmäht wird. Aber eine Instanz schwieg zunächst: der Deutsche Journalisten-Verband, der sich für die „publizistische Unabhängigkeit von Journalisten“ einsetzt, wie er sagt. Doch jetzt hat das Schweigen endlich ein Ende.

Denn die DIE ZEIT-Chefredaktion hat eine leicht verschwurbelte Entschuldigung für seine Leser veröffentlicht, in der man unterstreicht, dass niemand bei der DIE ZEIT – auch nicht Mariam Lau – der Meinung wäre, dass es eine Alternative sei, Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken zu lassen. Thomas Schmid von der WELT nennt diese Distanzierung zu recht einen „Bärendienst für die Meinungsfreiheit“, denn DIE ZEIT-Korrespondentin Mariam Lau hatte dergleichen ja nie geschrieben, nicht einmal ansatzweise. Es handelt sich also einzig und allein um ein Einknicken der DIE ZEIT vor der eigenen empörten Sippschaft, der keine offenkundige Fehlinterpretation zu billig ist, wenn es darum geht, Menschen zu steinigen, die nicht konforme Meinungen aussprechen oder – wie im Fall von Mariam Lau – nur laut über die Schattenseiten gewisser Dienste nachdenken.

Und was sagt der Deutsche Journalisten-Verband dazu? Der lobt die feige Aktion der Die ZEIT auf Twitter: „Überzeugende Erklärung und Entschuldigung von DieZEIT-Chefredaktion“, heißt es in einem Tweet des DJV. Wir fassen zusammen: Über eine Journalistin bricht ein Shitstorm herein, weil sie ihre Arbeit macht, also kritisch hinterfragt. Zahlreiche öffentliche Personen mit ganz unterschiedlichen politischen Ansichten springen ihr zur Seite. Doch der Deutsche Journalisten-Verband – jene Interessenvertretung also, die sich angeblich für die „publizistische Unabhängigkeit von Journalisten einsetzt“, begrüßt das Einknicken der DIE ZEIT – und springt damit der hassenden und geifernden Social-Media-Meute zur Seite. Unvorstellbar, oder?

Nicht ganz. Wer den DJV kennt, den überrascht diese bodenlose Peinlichkeit gar nicht so sehr. Denn der Verband fällt immer wieder mit einer politischen Einseitigkeit auf, die an die einschlägigen linken Gewerkschaften erinnert. Anstatt die Interessen aller Journalisten zu vertreten, verfolgt der DJV dabei eine klare politische Agenda. Die zeigte sich eindrücklich im Januar 2016, als der DJV den Blog „Augenzeugen.info“ startete, auf dem sich Journalisten gegen politisch motivierte Gewalt gegen ihre Zunft aussprachen. Völlig zu recht war dort von Übergriffen auf rechtsradikalen Demos die Rede. Allerdings blieb es einzig und allein dabei. Kein Wort über Linksradikalismus oder Übergriffe durch Islamisten. Wer die Beschreibung des Blogs las, konnte meinen, Gewalt gegen Journalisten gäbe es ausschließlich von Rechtsradikalen, was selbstredend grober Unsinn ist. 

Erst am 16. Juli äußerte sich der Verband außerdem noch zu einem anderen Fall. Als sich der CDU-Politiker Friedrich Merz weigerte, den Ludwig-Erhard-Preis anzunehmen, weil der Publizist Roland Tichy Vorsitzender der Stiftung ist und Merz politisch nicht genehm, sowie in der Folge vier Journalisten aus der Jury austraten, fragte der DJV, ebenfalls auf Twitter: „Journalisten ziehen sich aus Jury der LEStiftung zurück. Welcher seriöse Journalist will sich schon für Rechtspopulismus missbrauchen lassen?“ Gegenfrage: Welcher seriöse Journalist will eigentlich Mitglied im DJV sein?

 

 

 

 

 

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