Mehrheit gegen „Weiter so!“ der EU

Laut einer Umfrage, die vom Europaparlament beauftragt wurde, haben die Deutschen überwiegend ein positives Bild von der Europäischen Union und der Mitgliedschaft Deutschlands. Das berichtet unter anderem Spiegel Online unter der Überschrift „Vier von fünf Deutschen sehen EU positiv“. Demnach halten vier von fünf deutschen Befragten die Mitgliedschaft für eine gute Sache. 76 Prozent finden außerdem, dass die Bundesrepublik von der EU-Mitgliedschaft vor allem profitiert habe. Auf den ersten Blick ist das für die EU selbstverständlich eine freudige Nachricht, für alle Pro-EUler ohnehin. Auf den zweiten sieht die Sache jedoch schon wieder ganz anders aus. 

Denn die Umfrage, die nicht nur unter Deutschen, sondern unter Bürgern aller EU-Länder durchgeführt wurde (rund 26.000 insgesamt, davon 1500 Befragte aus Deutschland) kommt noch zu einem anderen Ergebnis: Zwar bewertet die Mehrheit der Befragten die Mitgliedschaft ihres Landes positiv, das ist richtig, allerdings gab die Hälfte der Teilnehmer auch an, dass sich die Dinge in der EU derzeit „in die falsche Richtung“ entwickeln würden und gerade Mal 28 Prozent sehen eine Entwicklung „in die richtige Richtung“.

Das heißt, dass über zwei Drittel (!) der EU-Bürger mindestens Bedenken haben, was den Status Quo der Europäischen Union betrifft. Wie kann das aber sein, dass man zufrieden mit der Mitgliedschaft ist und dennoch der Meinung, die Dinge entwickeln sich in die falsche Richtung? Ganz einfach: Weil das eine das andere eben nicht ausschließt und inhaltliche bzw. strukturelle Kritik nicht per se Ablehnung bedeutet. Eigentlich nur logisch, die veröffentlichte Darstellung ist dennoch gerne eine andere, weil es selbstredend einfacher ist, Kritiker eine negative Grundhaltung zu etwas zu unterstellen, anstatt sich inhaltlich mit der geäußerten Kritik auseinander zu setzen.

Den meisten „EU-Kritikern“, „Klimaskeptikern“ oder „Migrationskritikern“ geht es allerdings nicht darum, die EU abzuschaffen, einen Wandel des Klimas grundsätzlich zu leugnen oder keine Ausländer mehr ins Land zu lassen, sondern darum, dass die großen Herausforderungen unserer Zeit nüchtern und sachlich debattiert werden und Fehler in den Systemen lokalisiert und – idealerweise – von den politischen Verantwortlichen behoben. Ein Anfang wäre, die Bedenken der Menschen ernst zu nehmen und sich Kritik zu stellen, statt sie entweder zu ignorieren oder sie vom Tisch zu wischen, weil der Kritisierende nicht politische genehm ist. Ein Anfang wäre auch, wenn Spiegel Online eine andere Überschrift wählen würde. Zum Beispiel diese: „Mehrheit gegen ,Weiter so!‘ der EU“.

Bildquelle: www.flickr.com/photos/mpd01605 unter cc-by-sa

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