Der Turm

Die „Süddeutsche Zeitung“ hat im vergangenen Jahr die Marke von 150.000 Digital-Abonnenten geknackt. Doch interne Querelen, hochkarätige Abgänge und ein Stellenabbau lassen den Stresspegel steigen. Ein Blick hinter die Kulissen.

Wenn in Berg am Laim die Sonne scheint, macht der Turm die Schotten dicht. Automatisch. Dann bahnen sich die Rollläden ihren Weg nach unten. Dann springen vereinzelt Mitarbeiter auf, um das zu verhindern. Schließlich hat man vom Hochhaus des Süddeutschen Verlags einen wunderbaren Blick über München und bis zu den Alpen. Vorausgesetzt, das eigene Büro ist an der richtigen Stelle. Bestenfalls ganz oben, wo die Chefs sitzen, und der Ausblick der beste ist. 

Eigentlich hätte das gläserne Gebäude an der Hultschiner Straße ganze 145 Meter hoch werden sollen. Doch ein Bürgerbegehren erstritt zu der Zeit ein Höhenlimit von 100 Metern außerhalb des Mittleren Rings, der Ringstraße um die bayerische Landeshauptstadt. Imposant ist das SV-Hochhaus, das 2007 eröffnet wurde, trotzdem; repräsentativ sicher, auch ein bisschen protzig. Es passt sehr gut zum Selbstverständnis der „Süddeutschen Zeitung“ als „die wichtigste nationale Zeitung in Deutschland“ (Kurt Kister). 

In Berg am Laim befindet sich die „SZ“ derzeit in einem tiefgreifenden Wandel. Einer, der überfällig ist. Zu lang haben die Münchner die Digitalisierung verschlafen. Zu tief wurden die Gräben zwischen Print und Online geschaufelt. Und zu häufig blockierten interne Seilschaften einen sachlichen Diskurs über die Zukunft der Zeitung. All das soll sich nun ändern. Erster Meilenstein: Die Marke von 150.000 Digital-Abonnenten wurde noch vor Jahresfrist 2020 geknackt. Doch mit Veränderungen tut man sich schwer in Berg am Laim.  

Viele kluge Texte

Eben dieses Selbstbewusstsein wird spätestens seit Mitte 2018 herausgefordert. Damals wurde Christian Wegner, zuvor langjähriger Vorstand der ProSiebenSat.1 Media AG und danach Beiratsmitglied in der Egmont Mediengruppe, Chef der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH). Im Portfolio der SWMH finden sich neben der „SZ“, bei Wegners Amtsantritt noch mit den offiziell gleichberechtigten Chefredakteuren Wolfgang Krach und Kurt Kister besetzt, vor allem regionale und lokale Blätter. Hinzu kommen rund 40 Fachverlage, ein Radiosender und weitere Beteiligungen. Seit Wegner zur SWMH gestoßen ist, befindet sich die gesamte Holding in einem „radikalen Umbau“, wie er selbst sagt – und dieser trifft freilich auch die „SZ“. 

Bei den Münchnern finden derzeit eigentlich zwei Change-Prozesse statt. Der eine soll tief in der Psyche der Belegschaft wirken, ist also ein kultureller – und scheint die größte Herausforderung zu sein. Das geht aus einigen Gesprächen der vergangenen Monate hervor; mit Köpfen aus dem Haus und manchen, die einmal Teil der „SZ“ waren. Alle Quellen wollen anonym bleiben. Sie wollen entweder nicht unnötig Öl ins Feuer gießen oder scheuen schlicht das offene Visier. Eine, die heute nicht mehr Teil des Verlags ist, sagt etwa: „Bei Kister und Krach als Gegner, kann man nur verlieren.“ 

Sie meint zuvorderst den Fall der Julia Bönisch, die einst als Digitale in die Chefredaktion geholt wurde und in der „SZ“-Führungsriege seit Ende 2019 als Persona non grata gilt. Offiziell wegen eines Meinungsbeitrags, der im Branchenblatt „Journalist“ erschienen war. Der Job von Redaktionsleitern, schrieb Bönisch, sei heute weniger die „Schönschreiberei“ oder „wuchtige Texte“. Vielmehr müssten sie sich als Manager und Produktchefs verstehen, die in „Workflows und Prozessen“ denken. Bei der „SZ“ wurde das als Majestätsbeleidigung gewertet, Bönisch erst ausgebuht, dann vor die Tür gesetzt. 

Der Fall Bönisch mag ein älterer sein und ein spezieller obendrein. Und dennoch hilft dieser Fall, zu verstehen, was ein ehemaliger „SZ“-Redakteur auch meint, wenn er sagt: „Ich hatte keine Lust mehr, politisch immer wieder anzuecken.“ Und auch einige Abschiede im Laufe des vergangenen Jahres, darunter auffällig viele digitale Frauen, lassen aufhorchen. Website-Chefin Kathrin Steinbichler wechselte nach vier Jahren im Amt zur Looping Group. Und auch Charlotte Haunhorst, derzeit noch Redaktionsleiterin von „jetzt.de“, dem Jugendportal der „SZ“, wird das Unternehmen verlassen

Hinzu kommen alte Grabenkämpfe, die noch nicht überwunden scheinen. Bis heute tut sich die Print-Riege, so hört man, schwer damit, den Online-Kollegen auf Augenhöhe zu begegnen. Ein Austausch findet nur in Maßen statt. Arbeiten in Silos sei mehr Regel denn Ausnahme, heißt es. Da werden Exklusiv-Meldungen der Onliner bisweilen schlicht aus Prinzip nicht ins Blatt gehoben. „Es gibt eine unfassbare Arroganz gegenüber den Onlinern bei manchen Printlern“, sagt eine ehemalige Führungskraft. Und einer aus dem Haus sagt: „Dass in der großen Konferenz mittlerweile auch Online-Artikel gelobt werden, nicht nur die Seite 3, ist bei uns schon Fortschritt.“ Gleichwohl beschwerte sich jüngst ein langjähriger Print-Redakteur, ihm werde bei der großen Konferenz zu viel „gejammert“. 

Stefan Hilscher, seit fünf Jahren Geschäftsführer des Süddeutschen Verlags, sieht all das freilich weniger dramatisch. MEEDIA hat ihn zum Interview ganz oben im Turm getroffen. Hilscher sagt unter anderem: „Wo keine Reibereien sind, da kann auch nichts Gutes passieren.“ Und weiter: „Erstmal ist es für mich eine Auszeichnung, wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von uns in eine bessere Position gehen.“ Das klingt, als wolle sich jemand rausreden. Tatsächlich, so hört man, sei vor allem Hilscher die treibende Kraft für den Wandel und sehr wohl auch offen für Gegenrede. 

Der zweite Change-Prozess ist einer, auf den Hilscher ohnehin deutlich mehr Einfluss hat. Dieser hat viel mit dem Thema Digitalisierung zu tun. Denn auch die „SZ“ kann sich der Zeitenwende am Lesermarkt nicht entziehen. In den vergangenen zehn Jahren ist ihre Auflage um gut 30 Prozent zurückgegangen. Pro Ausgabe verkaufte sich die „SZ“ im vergangenen Jahr rund 300.000 Mal. Ein Minus von sechs Prozent zum Vorjahr, auch bedingt durch die wegen der Corona-Krise weggefallenen Bord-Exemplare. 

Der Wandel beim Blatt geht in der Folge auch mit einer Digital-Offensive einher. Ziel ist derzeit, dass in zwei Jahren bis zu 30 Prozent des SWMH-Umsatzes aus digitalen Angeboten generiert wird. Im Zuge der Corona-Pandemie scheint allerdings 2023 realistischer zu sein, wenn überhaupt. SV-Geschäftsführer Hilscher spricht von Ende 2022. „Verschoben“ werde da wegen Corona gar nichts, sagt er. Man sei auf dem richtigen Weg. Immerihn sind erste Erfolge zählbar: Im vergangenen Jahr knackte die „Süddeutsche Zeitung“ noch vor Jahresfrist die Marke von 150.000 Digital-Abonnenten. Auch, weil die „SZ“ ihr Abo-Modell diversifiziert hat. „Der Prozess trägt erste Früchte“, sagt einer, der an der Digital-Offensive beteiligt ist. Er sagt aber auch: „Kister hat leider verschlafen, dass es mehr braucht als gute Inhalte.“ 

Eine für die Jungen

Derweil holt die „SZ“ ein Zeitgeist ein, der auch von ihr gepredigt wird. Debatten um mehr Frauen in Führungspositionen werden auch bei der „SZ“ geführt. Eine aus dem Haus sagt: „Dieser Laden wird ein bisschen brauchen, um sich auch personell so divers aufzustellen wie es einem digitalen Medienhaus würdig ist.“ Was die reine Diversität angeht, tut der „SZ“ auf den ersten Blick daher die neue Chefredakteurin Judith Wittwer gut. Sie folgte vergangenes Jahr auf Kurt Kister, der dem Verlag als leitender Redakteur erhalten bleibt. Gemeinsam mit Wolfgang Krach bildet Wittwer die übergeordnete Chefredaktion. 

Besonders bei den Jungen kam die Neue erstmal gut an. „Was diesem Haus gefehlt hat, ist jemand, der zuhört, der sich Input holt und verstehen will, wie das Haus tickt“, sagt eine leitende Redakteurin noch im Oktober. Wittwer sei zudem eine, die von Digitalisierung „viel versteht, die eine Vision hat und nicht so sehr in Hierarchien denkt“. Doch Stand heute scheint sich auch hier der Wind zu drehen.

Das mag nur die Meinung eines Einzelnen sein. Die „SZ“-Chefredaktion selbst wollte sich für diesen Artikel nicht äußern. MEEDIA liegt in dem Zusammenhang aber auch ein interner Mail-Verkehr aus dem Dezember vor, in dem Mit-Chefredakteur Krach mahnt, sich in Diskussionen wieder stärker auf „inhaltliche und journalistische Fragen“ zu konzentrieren. Auslöser für Krachs Appell war eine heftige Debatte, die um den baldigen Abschied von „jetzt.de“-Redaktionsleiterin Charlotte Haunhorst entbrannte. Denn die geht nach MEEDIA-Informationen auch deshalb, weil sie mit der derzeitigen Linie der „SZ“-Chefredaktion nicht einverstanden ist, ihr aber auch nicht im Weg stehen will.

Nach der Ankündigung ihres Abschieds lagen die Nerven vor allem bei den Jungen blank. Für sie ist Haunhorst dem Vernehmen nach eine Top-Digitale, fachlich und menschlich. Die „SZ“-Chefredaktion zeigte sich in der Folge von heftigen Reaktionen irritiert – und irritierte prompt selbst. Und zwar mit einer Ansage, die als Zusammenfassung über den Verteiler ging: „Die Chefredaktion habe klare Erwartungen insbesondere an Führungskräfte, wer damit nicht einverstanden sei, könne für sich entsprechende Schlüsse ziehen“, heißt es darin im Wortlaut. Haut da jemand auf den Tisch, weil er muss? Oder hat er Angst, die Kontrolle zu verlieren? Dass dies die Art gesunder Reibung ist, die SV-Geschäftsführer Hilscher im MEEDIA-Interview einfordert, darf zumindest bezweifelt werden. 

Abschied gegen Abfindung

Change-Prozesse, vor allem die überfälligen, gehen selbstredend immer mit Schmerzen einher. Beim Süddeutschen Verlag lässt sich dieser Schmerz bisweilen nicht nur lesen oder hören, sondern auch beziffern: auf 50 zum Beispiel. Mitte September rief der Verlag ein „Freiwilligenprogramm“ aus, mit dem 50 Stellen abgebaut werden sollen. Vor allem die Jungen fürchteten in der Folge um ihre Jobs, sollten sich nicht genug „Freiwillige“ finden, die den Deal „Abschied gegen Abfindung“ annehmen. Und die Jungen, das sind zumeist eben auch die Digitalen, die, die man bei der „Süddeutschen Zeitung“ für den Wandel dringend braucht.

„Der Schock über den Weggang von Julia Bönisch ist längst dem Schock über den Stellenabbau gewichen“, sagt Mitte Dezember noch einer, der es wissen muss. Und er sagt auch: „Man spürt die zittrigen Knie.“ Der Wandel treibt in Berg am Laim also weiterhin schöne wie unschöne Blüten. Oder anders formuliert: Mal scheint die Sonne, mal ziehen dunkle Wolken auf. Bei all den Umbrüchen bleibt immerhin eines gewiss: Vom Turm aus ist der Ausblick ein wunderbarer. Vorausgesetzt, man sitzt an der richtigen Stelle. 

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