Was Medien im Umgang mit Charlottesville ignorieren

In der Berichterstattung über Charlottesville paart sich Ignoranz mit politischem Lagerdenken. Kausale Zusammenhänge werden verschwiegen, US-Präsident Trump mal wieder ins Fadenkreuz der Medien gezerrt – und kaum jemand scheint zu verstehen, um was es wirklch geht: den gesellschaftlichen Nährboden, auf dem solche Gewaltausbrüche gedeihen können Continue reading „Was Medien im Umgang mit Charlottesville ignorieren“

G20-Krawalle: Ihr relativiert – ich war dort

Während ich diese Zeilen schreibe, parkt meine Freundin gerade ihr Auto um. Nicht unbedingt aus Angst, dass der Kleinwagen, kein Porsche oder Mercedes, tatsächlich brennen könnte. Es ist eher eine Vorsichtsmaßnahme. Ein bisschen so, wie man seinen Kindern rät, nicht zu nahe an den Felsvorsprung zu treten. Man weiß ja nie. Unser Felsvorsprung, hinter dem das Chaos wartet, ist nur eine „Kurzstrecke“ entfernt. Über mir kreist ein Helikopter, Martinshörner heulen. Eben schrieb mir mein Vater, ob bei uns alles in Ordnung sei. Eine Bekannte ist derweil auf dem Weg nach Sylt. Da sei es sicher, sagte sie, und lud uns ein, tagsdrauf nachzukommen.

Continue reading „G20-Krawalle: Ihr relativiert – ich war dort“

Auf Hümmling sind die Rechten los

Weil auf Hümmling asylkritische Flyer der Wochenzeitung Junge Freiheit im Umlauf sind, sei die Bevölkerung beunruhigt, meldet die Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ) und bläst das Thema auf. Ein Redaktionsleiter nutzt die Chance, sich als aufrechter Demokrat zu inszenieren – und sogar der Staatsschutz ermittelt. Ein kleines Lehrstück der Kategorie „Hysterie gegen Rechts“
Continue reading „Auf Hümmling sind die Rechten los“

Haltungsjournalisten im Buzzword-Chaos

Es hätte nicht viel gefehlt und auf meiner Visitenkarte stünde heute nicht „Journalist und freier Autor“, sondern „Heilpädagoge“ oder vielleicht „Psychotherapeut“. Haben Heilpädagogen Visitenkarten? Ich entschied mich Anno Dazumal allerdings gegen ein Psychologie- oder Soziale-Arbeit-Studium und für den Journalismus, der damals – zumindest nahm ich das so wahr – noch einen gewissen Anspruch hatte. Natürlich nicht in allen Redaktionen, versteht sich. Die BILD gibt es ja schon deutlich länger als mich, ebenso wie andere Boulevard-Medien, die aber immerhin noch als solche identifizierbar waren. Da gab es den Boulevard einerseits und die seriösen Medien andererseits. So einfach, so wundervoll.

Klingt nach Essstörung

Dann änderte – soweit ich das überblicke – zuerst FOCUS Online seine Vermarktungs-Strategie, andere (ehemalige) Qualitätsmedien folgten. Überschriften wurden boulevardesker, um mehr „Klicks zu generieren“ und erstmals hörte ich von dem Begriff „bouliös“, einer Mischung aus boulevardesk und seriös, was nicht nach Journalismus, sondern nach einer Essstörung klingt. Auf die boulevardesken Überschriften folgten boulevardeske Inhalte. Und zu diesen Inhalten gehören, spätestens seit Beginn der Asylkrise, auch allerlei Buzzwords, die regelmäßig zum Einsatz kommen, wenn eine Redaktion oder ein Politiker mal wieder „Haltung zeigt“.

Wenn man Medien und Redaktionen kritisch begleitet, kann ein bisschen Grundwissen im Fach „Pädagogik und Psychologie“ nicht schaden. Das bekam ich in der 11. und 12. Klasse der Fachoberschule. Ein Begriff aus der Psychologie ist das sogenannte Labeling, das in einem Online-Lexikon kurz mit „ Etikettierung, die Zuordnung zu einem Objekt oder das Verwenden erlernter Zuordungen“ beschrieben wird. Heißt: Man drückt etwas oder jemandem einen Stempel auf. Nicht selten hat das für die Opfer weitreichende Folgen, zum Beispiel soziale Isolation, was zu psychischen Erkrankungen führen kann. Labeling ist also nicht gerade das, was man unter einem gesunden und freundlichen Umgang mit seinen Mitmenschen versteht.

Die FAZ im Begriffs-Wirrwarr 

Dass sich viele ehemals seriöse Redaktionen mittlerweile ausgerechnet des „Labelings“ bedienen, um Kritiker oder politisch Andersdenkende zu diffamieren, gesellschaftlich zu isolieren oder schlicht mundtot zu machen, ist hinreichend bekannt. Besonders beliebt ist die Zuschreibung „Rechtspopulist“, gekoppelt an allerlei andere Labels wie „Rassist“, „Islamhasser“ oder „Schwulenfeind“. Auch das kann weitreichende Folgen haben. Nur, dass zur psychischen Belastung unter Umständen noch brennende Autos, gebrochene Gliedmaßen und massive Polizeiaufgebote hinzukommen. Es gibt aber auch gute Nachrichten: Denn viele Redaktionen scheinen sich zunehmend im eigenen Labeling-Chaos zu verlieren.

Neulich laß ich einen Artikel über Marine Le Pen auf der Online-Seite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in dem der Autor gleich mehrfach zwischen den Begrifflichkeiten „rechtsradikal“ und „rechtsextremistisch“ hin und her wechselte. Die Bundeszentrale für politische Bildung hilft bei der Aufklärung:

„Als extremistisch werden die Bestrebungen bezeichnet, die gegen den Kernbestand unserer Verfassung – die freiheitliche demokratische Grundordnung – gerichtet sind. Über den Begriff des Extremismus besteht oft Unklarheit. Zu Unrecht wird er häufig mit Radikalismus gleichgesetzt. So sind z.B. Kapitalismuskritiker, die grundsätzliche Zweifel an der Struktur unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung äußern und sie von Grund auf verändern wollen, noch keine Extremisten.“

Und weiter:

„Von den Behörden und der Sozialwissenschaft wird der Begriff Rechtsradikalismus (…) auf Personen und Organisationen gerichtet, die klar rechts der Mitte des politischen Spektrums stehen, dabei allerdings im Rahmen der Verfassung bleiben.“

Rechtsradikale und Rechtsextremisten – ob überhaupt eines der beiden auf Le Pen zutrifft, das sei mal dahingestellt – als ein und dasselbe zu verkaufen, ist in etwa so als würde man behaupten, Handball und Fußball sei der gleiche Sport, weil beides mit einem Ball und zwei Toren gespielt wird. Ein Politikredakteur, vor allem bei einer Instanz wie der FAZ, sollte – möchte man meinen – zwischen solch zentralen Begrifflichkeiten unterscheiden können. Liebes FAZ.net, wo rekrutiert ihr eigentlich eure Mitarbeiter? An der Bushaltestelle?

Macht kaputt, was Euch kaputt macht

In einem anderen Artikel, dieses Mal von der Berliner Zeitung, nimmt das Labeling derart groteske Formen an, dass man über obiges Beispiel nur milde Lächeln kann. Da schreibt ein Mitarbeiter zur Diskussion über Xavier Naidoo doch glatt, dieser sei zuletzt vermehrt in die Kritik geraten – und zwar wegen „rechtsextremen und populistischen Texten“.

Mal ernsthaft, liebe Berliner Zeitung: Wenn systemkritische Texte von Xavier Naidoo rechtsextremistisch sein sollen, was waren – beziehungsweise sind – dann eigentlich die Texte von einschlägigen Neonazi-Bands wie „Landser“ oder, pardon, „Zillertaler Türkenjäger“? Und wenn Systemkritik heute rechtsextremistisch ist, was waren dann eigentlich „Ton, Steine, Scherben“?

An dieser Stelle sei erwähnt, dass sich Claudia Roth ganz besonders über Naidoos Systemkritik empörte („Pegida-Sprech“). Die wiederum war mal Managerin von „Ton, Steine, Scherben“, die einst die Antifa-Hymne „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“ dichteten. Verrückt, oder? Aber das nur am Rande.

Sehen wir es positiv

Dass das Labeling in den Redaktionen und auch in der Politik solch absurde Formen annimmt, mag unangenhehm sein, vor allem für die Opfer. Aber sehen wir es positiv: Die Bedeutung der klassischen Medien wird weiter sinken, solange journalistische Grundsätze nicht mehr eingehalten werden, ebenso wie die Umfragewerte der Grünen, denen wohl gar nichts mehr helfen kann. Das hirnlose Um-sich-Schlagen könnte also auch ein Indiz dafür sein, dass einige Protagonisten in Panik sind. Und Panik beschleunigt bei Ertrinkenden bekanntlich das Ableben.

Kurzum: Ich freue mich schon auf die Bundestagswahl und auf die nächsten IVW-Zahlen. Und natürlich auf das neue Album der Söhne Mannheims – und alle Alben, die noch folgen werden, wenn andere längst in der Bedeutungslosigkeit versunken sind.

 

 

 

 

 

 

Über die Anti-AfD-Initiative „KleinerFünf“

Dunya treibt „das positive Gefühl an, gemeinsam demokratisch zu handeln“. Hannah macht sich Sorgen, weil „Homo- und Trans*phobie wieder ansteigen“. Johanna will „mehr Mutreden hören, keine Angstmache“. Und Wiebke engagiert sich „weil ich gerne in einer offenen und demokratischen Welt lebe“. Dies sei, weiß Wiebke, „keine Selbstverständlichkeit, sondern eine in den letzten Jahrhunderten erkämpfte Errungenschaft.“ Selbstverständlich müsste es nicht „letzten Jahrhunderten“, sondern „vergangenen Jahrhunderten“ heißen. Aber vielleicht geht die Welt ja wirklich unter, wenn die zitierten Damen und ihre Mitstreiter scheitern. Die Indizien dafür sind nämlich zahlreich.

Die Offenbarung des Johannes
Dunya, Hannah, Johanna und Wiebke engagieren sich gemeinsam mit anderen für die Initiative „KleinerFünf“. Mit ihrem „demokratischen Handeln“ und ihren „Mutreden“ wollen sie aufklären und verhindern, dass die AfD bei der Bundestagswahl über fünf Prozent kommt. Deshalb sucht man auf der Seite der Initiative die beschworenen „Mutreden“ aktuell auch noch vergebens, stattdessen wird die AfD zu einem sexistischen, homophoben und rassistischen Monstrum aufgeblasen, das nach der Bundestagswahl alles verschlingen und die Welt in die Apokalypse führen könnte. Weniger „Mutreden“, mehr „Offenbarung des Johannes“.

Nun muss man, der Herr ist mein Zeuge, kein AfD-Mitglied sein, nicht mal mit dieser Partei sympathisieren, um den vielfach erbittert und auch verbittert geführten Kampf gegen sie mit einer gewissen Skepsis und Verwunderung zu begleiten. Da wird angeblich gegen Angstmacherei angeredet und gleichzeitig das Ende der Demokratie prophezeit, sollte die AfD in den Bundestag einziehen. Das Ende der Welt, wie wir sie kennen, scheint – glaubt man den teils völlig hysterischen AfD-Gegnern – schon an die Türen der deutschen Gartenlauben und des Reichstags zu klopfen.

Ringel Ringel Reihe
Das goldene Kalb, um im biblischen Duktus zu bleiben, scheint heute der „Kampf gegen Rechts“ zu sein, um den Dunya und Wiebke Hand in Hand „Ringel Ringel Reihe“ tanzen, mit Sonnenblumen im Haar und der Liebe zum Internationalismus im Herzen. Doch so wenig die Logik in Glaubensfragen gilt, so wenig nachvollziehbar sind auch die Gründe, warum die AfD laut „KleinerFünf“ nicht in den Bundestag einziehen sollte.

„Flüchtlinge will die AfD so lange schützen, bis der Fluchtgrund aufgehoben ist. Dann soll es Rückkehrhilfen und Wiederaufbauprogramme in den betreffenden Ländern geben“, schreibt „KleinerFünf“ in einer „AfD-Analyse“ auf ihrer Seite. Was? Flüchtlinge schützen, bis der Fluchtgrund aufgehoben ist? Und dann auch noch Rückkehrhilfen und Wiederaufbauprogramme! Ist ja unerhört!

Und dann bekennt sich die AfD auch noch zur „traditionellen Familie als Leitbild” und offenbart laut „KleinerFünf“ ihre „rassistische Ausrichtung“, weil – schon wieder unerhört! – sie darauf hinweist, dass Migranten im Durchschnitt mehr Kinder bekommen als, ähm, Menschen, die schon länger hier leben, was „den ethnisch-kulturellen Wandel der Bevölkerungsstruktur“ vorantreibt. Das alles muss eigentlich schon genügen, dass Wiebke die „offene und demokratische Welt“ in Gefahr sieht. Es kommt aber noch besser.

Klingt nach Kindernachrichten
Meinen Lieblings-Teil möchte ich an dieser Stelle etwas ausführlicher zitieren. In ihrer AfD-Kritik schreiben die Initiatoren von „KleinerFünf“ unter der Überschrift „Europa der geschlossenen Türen“:

Die AfD wirbt für ein „Europa der Vaterländer“. Sie versteht die europäische Staatengemeinschaft als eine „Wirtschafts- und Interessengemeinschaft souveräner, lose verbundener Einzelstaaten“. Wenn es nach der AfD geht, dann sind die Türen zu Europa geschlossen und der Eintritt exklusiv.Solch nationalistische Tendenzen haben in den vergangenen 100 Jahren jedoch zu vielen Konflikten und Kriegen geführt.

„Die Türen zu Europa geschlossen und der Eintritt exklusiv“ klingt drastisch, steht so aber auch gar nicht im AfD-Programm, sondern ist lediglich eine wenig wohlwollende Interpretation von „KleinerFünf“. Denn eigentlich geht es der AfD lediglich um Grenzkontrollen und regulierte Einwanderung. Das schreibt „KleinerFünf“ aber nicht, weil es viel zu harmlos, ja, sogar durchaus sinnvoll klingen könnte, wenn man an den islamistischen Terror denkt und an hunderte Millionen Menschen, die sich in den kommenden Jahren theoretisch auf den Weg nach Europa machen könnten. Das ist aber noch gar nicht der total verrückte Teil.

Richtig irre wird es erst bei der Feststellung, dass nationalistische Tendenzen „in den vergangenen 100 Jahren jedoch zu vielen Konflikten und Kriegen geführt haben“. Das klingt nicht nur so, als entstamme der Satz den Kindernachrichten, er hält einer logischen Betrachtung auch nicht stand, wie ich finde.

Besinnung auf kulturelle Identität
Nicht nationalistische Tendenzen – man könnte bei der AfD auch schlicht von „nationale“ Tendenzen sprechen, das klingt „KleinerFünf“ aber nicht harsch genug – haben zu vielen Kriegen und Konflikten geführt, sondern einerseits der Wunsch nach der Ausweitung des Staatsgebietes. Andererseits: Nicht die Besinnung auf das vorhandene Land mitsamt seiner politischen, religiösen und kulturellen Identität, worum es der AfD eigentlich geht, führte zu Kriegen und Konflikten, sondern gewaltsame Versuche, die eigene Macht auszuweiten und anderen seine politischen, religiösen und kulturellen Vorstellungen aufzuzwingen. Das erleben wir momentan eindrucksvoll beim Islamischen Staat.

Wenn man der Logik von „KleinerFünf“ weiter folgt, käme man außerdem zu dem Ergebnis, dass zentral gesteuerte Staatenbündnisse ein besserer Garant für Frieden und Stabilität seien als einzelne Länder, die souverän nebeneinander existieren und nur vereinzelt, zum Beispiel beim Handel, gemeinsame Sache machen. Ich frage mich ernsthaft, wo Hannah und Wiebke Geschichtsunterricht hatten? Auf dem Mars? Anders kann ich mir nicht erklären, dass die „KleinerFünf“-Macher offenbar noch nie etwas von der Sowjetunion gehört haben.

Ein mahnendes Beispiel
Natürlich kann und darf man die AfD kritisch betrachten. Das sollte man als aufgeklärter Demokrat übrigens mit allen Parteien tun. Auch eine kritische Auseinandersetzung mit der Europäischen Union von heute wäre angebracht. Mit Angela Merkel, Donald Trump, Martin Schulz, mit allem und jedem von politischer Relevanz. Manchmal wäre aber auch eine kritische Betrachtung der eigenen Kritik wünschenswert. Sonst läuft man Gefahr, dass man am Ende wenig Inhaltliches und viel Polarisierendes publiziert. „KleinerFünf“ sei hier als mahnendes Beispiel genannt.

Hurra, ich bin ein Linker!

In den vergangenen Monaten habe ich mich häufiger gefragt, welcher politischen Coleur ich eigentlich angehöre. Das ist nur menschlich. Egal ob konform oder rebellisch, revolutionär oder konterrevolutionär, man neigt einfach dazu, irgendwo dazugehören zu wollen oder muss sich gezwungenermaßen irgendwo einsortieren oder einsortieren lassen. Gerade dann, wenn man als Autor regelmäßig auf „umstrittenen“ Blogs „umstrittene“ Texte publiziert.

Gelebte Toleranz

Der Mensch ist ein Rudeltier. Und ganz ohne Gruppenzugehörigkeit – machen wir uns nichts vor – fühlt man sich manchmal einsam. Ja, man fühlt sich zuweilen wie eine Schnittlauch-Pflanze vom Discounter, die auf dem Fensterbrett einer ansonsten durch und durch unökologischen Studentenbude vor sich hin vegetiert. Da ist die Identitätskrise programmiert.

Manchmal ist die Antwort, auf welcher Seite man steht, recht einfach. Ich bin durch und durch Bayern-Fan, was man mir zwar in anderen großen Fußballstädten gerne übel nimmt, aber in meiner – wie es neudeutsch so schön heißt – Peer-Group in München nur selten. Ich habe sogar Freunde, also so richtige, die durch und durch Fans von Borussia Dortmund sind, mir meine rote Seele aber dankenswerterweise zugestehen. Ich hatte sogar mal einen Kurzeinsatz als eine Art Pressesprecher für einen BVB-Fanclub, dem einer meiner besten Freunde vorsteht. Das nenne ich gelebte Toleranz.

Auch in anderen Bereichen bin ich ziemlich gefestigt: Ich rauche am liebsten gelbe Camel, gehe lieber ins Wirtshaus als in Bars, lieber ins Kino als zu Poetry Slams, trinke Ouzu, keinen Jägermeister, und im Kaffee brauche ich Milch und Zucker, sonst schmeckts nicht. Aus einem vielleicht überbordenden Männlichkeitsgefühl heraus (Ich habe den Grünen bereits eine Anfrage für eine Diagnose gestellt) gehe ich nicht zum Yoga, sondern spiele lieber Fußball. Ich fahre lieber Tram statt U-Bahn, trage vor allem Basics in schwarz, dazu immer Jeans. Ich mag keine Anzüge, aber Leinenhosen – das gestehe ich ganz offen – sind der absolute Knaller. Rote Beete igitt, rote Paprika super.

Ich bin gebürtiger Bayer und es kommt ja nicht von ungefähr, dass die Stammtische hierzulande eine sakrale Einrichtung sind. Gruppenzugehörigkeit und so. Dass ich im Allgäu geboren bin, also ein bayerischer Schwabe, ist weniger schlimm, weil ich den schwäbischen Dialekt weitgehend abgelegt habe. Nur neulich blickte mich meine Freundin erstaunt und zugleich verwirrt, vielleicht auch ein bisschen angewidert, an, als ich meinte: „Dann musst du deine Glotzbäbberlen halt aufmachen!“. Der Spruch kommt von meiner Oma. Glotzbäbberlen sind Augen. Keine Garantie übrigens, dass man die Glotzbäbberlen tatsächlich so schreibt.

Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?

Kurzum: Eigentlich bin ich in meiner Persönlichkeit recht gefestigt. Nur die Sache mit der politischen Coleur gibt mir zu denken. Oder wie es der Philosoph Richard David Precht ausdrückt: „Wer bin ich – und wen ja, wie viele?“. Versuchen wir an dieser Stelle einmal, uns der Antwort auf die aktuelle Frage aller Fragen ganz offen und unvoreingenommen anzunähern.

Der erste konkrete Vorschlag kam von einem mir unbekannten Twitter-User, der meinte, ich sei ein „Rechtsextremist“. Wikipedia schreibt: „Rechtsextremismus dient als Sammelbezeichnung, um neofaschistische, neonazistische oder ultra-nationalistische politische Ideologien und Aktivitäten zu beschreiben. Deren gemeinsamer Kern ist die Orientierung an der ethnischen Zugehörigkeit, die Infragestellung der rechtlichen Gleichheit der Menschen sowie ein antipluralistisches, antidemokratisches und autoritär geprägtes Gesellschaftsverständnis.“ Und weiter: „Politischen Ausdruck findet dies in Bemühungen, den Nationalstaat zu einer autoritär geführten Volksgemeinschaft umzugestalten. Der Begriff „Volk“ wird dabei rassistisch oder ethnopluralistisch gedeutet“.

Ein Rechtsextremist scheine ich also nicht zu sein, sonst fände ich die Alleingänge der Kanzlerin ja mindestens super und die ganzen Zensurbehörden mit Heiko Maas als Zensur-Obermuffti auch. Fürs Protokoll: Der Autor wirft Angela Merkel und Heiko Maas an dieser Stelle keinen Rechtsextremismus vor. Es handelt sich lediglich um eine literarische Spitze, ein reines Stilelement. Danke für ihre Aufmerksamkeit – Anmerkung der Redaktion.

Ein moderner Konservativer

Im Gespräch mit einem Kollegen, dessen Versuch einer Selbsteinordnung in den Begriff „linksliberal“ mündete, kam ich neulich auf die schöne Formulierung, ich sei vielleicht ein „moderner Konservativer“. Nun mag der ein oder andere einwerfen, das sei eine ähnliche Formulierung wie „stiller Schrei“ oder „helle Nacht“, ein Oxymoron also.

Konservativ kommt von „konservare“, also von erhalten oder bewahren. Und bewahren will ich vielerlei: Zum Beispiel die Sicherheit, dass Recht und Gesetz immer gelten. Das Vertrauen, dass die Politik nur dann Veränderungen anstößt, wenn dadurch mittel- und langfristig nicht mehr Probleme, sondern weniger entstehen. Die Weitsicht, dass Utopien grundsätzlich zum Scheitern verurteilt sind. Das Wissen, dass Zeitgeist und Mode keine Gütesiegel sind. Schon gar nicht in der Politik. Und die Regel, dass in einer Maß Bier auch wirklich ein Liter Bier drin ist. Ja, ihr Wiesn-Wirte, ich habe Euch auf dem Schirm!

Und was macht mich – vielleicht – zu einem „modernen Konservativen“? Soll doch jeder lieben, wen er will. Tragen, was er will. Machen, was er will. Denken, was er will. Glauben, was er will. Solange er das allen anderen auch zugesteht und mit seiner Weltsicht niemandem auf die Nerven geht. Und schon sind wir beim nächsten Dilemma angekommen: Das würde wohl jeder fordern, der das Prinzip der Demokratie – wirklich – verstanden hat. Da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt. Oder so ähnlich.

Was sagt das Internet?

Gut, wir haben bereits gelernt, dass man sich auf einen einzelnen Twitter-User nicht verlassen kann und dass digitale Institutionen wie Wikipedia alles nur noch viel komplizierter machen. Also greifen wir zum Nonplusultra des digitalen Zeitalters: Persönlichkeits-Tests auf Facebook.

Neulich schickte mir ein Freund einen Link zu einem Test, mit dem man seine „politischen Koordinaten“ bestimmen kann. Eine gute Sache, dachte ich. Man bekommt zwar keine konkrete Antwort, aber doch immerhin eine erste Orientierung, einen Ansatzpunkt. Ich bin ja auch nicht von heute auf morgen zum Bayern-Fan geworden. Etwa 30 Fragen und zwei Camel später lautete das Ergebnis: „Sie sind ein linker Kommunitarist“.

Betretenes Schweigen im Theater. „Hurra, ich bin ein Linker!“, entfuhr es mir dann lautstark. Endlich kann ich mit meiner Meinung ganz unbehelligt hausieren gehen, den Besserwisser geben, mich als vollwertiges Mitglied der Medienlandschaft betrachten, andere zensieren, in den „Kampf gegen Rechts“ ziehen, mich wieder auf die Straße trauen.

Da war er also, mein politische Ablassbrief, schwarz auf weiß. Wikipedia schreibt: „Der Ablassbrief bescheinigte dem Erwerber einen Ablass, das heißt den „Nachlass von auferlegten Strafen, die von dem Sünder nach seiner Umkehr noch zu verbüßen sind“. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Maas. Amen.

 

 

Rendezvous mit der Antifa

Anfang Juli findet in Hamburg der G20-Gipfel statt – und die Polizei stellt sich auf die „schlimmsten Krawalle aller Zeiten“ ein. Die Worte von SPD-Politikerin Manuela Schwesig, wonach der Linksextremismus ein „aufgebauschtes Problem“ sei, hallen in meinem Kopf immer noch nach. Anlässlich des G20-Gipfels und dem bevorstehenden Chaos, möchte ich eine kleine Geschichte erzählen.

Im Jahr 2011 lief ich als junger Reporter (Jahrgang 1986) bei der Gegendemonstration zur „Münchner Sicherheitskonferenz“ mit, um darüber zu schreiben und Fotos zu schießen. Der linksradikale, schwarze Block lief an der Spitze, ich entsprechend auch. Der schwarze Block, ich und vielleicht ein, zwei Dutzend Journalisten-Kollegen plus hunderte Polizisten.

Nicht nur der ganz normale Friedensaktivist mit zotteligem Bart und Klamotten aus den 70ern war Teil der Eröffnungs-Kundgebung, auch die ehemalige RAF-Terroristen Inge Viett war eingeladen, um bei der Veranstaltung zu sprechen. Vom schwarzen Block, also jenen Linksextremisten, die solche Demonstrationen mitorganisieren.

Dass das so kommen würde, hatte ich schon ein paar Tage vorher berichtet. Mich überraschte damals sehr, dass sich die Journalisten-Kollegen bei der morgendlichen Polizei-Presserunde, wo uns die Nachricht über den Auftritt von Inge Viett eröffnet wurde, schnell darauf verständigt hatten, nicht darüber berichten zu wollen. Angeblich, um Viett keine zusätzliche Aufmerksamkeit zu verschaffen. Das muss man sich mal vorstellen: Eine ehemalige Terroristin hält anlässlich des G20-Gipfels eine öffentliche Rede und die Lokalblätter und lokalen Radiosender wollen schweigen.

Normale Berichterstattung als „Illoyalität“

Entgegen der vermeintlichen „Absprache“ jedoch stand am nächsten Tag ein entsprechender Artikel von mir in „meiner“ Zeitung. Die Nachricht machte schnell die Runde und auch überregionale Medien berichteten. Mein kleiner Scoop stieß einer Kollegin einer anderen Zeitung derart sauer auf, dass ich noch am selben Tag eine Nachricht erhielt, in der mir „Illoyalität“ vorgeworfen wurde.

Am Tag der großen Demonstration schließlich war es zunächst überraschend ruhig.  Als die Linksradikalen – teilweise komplett vermummt, aber mindestens mit schwarzen Sonnenbrillen vor einer klaren Identifizierung geschützt – einrückten, rief einer der Verantwortlichen für die Demonstration „Ein herzliches Willkommen unseren Freunden vom schwarzen Block“ ins Mikrofon. Wer hier normale Gäste waren, wer Ehrengäste, war damit eindeutig.

Weder unter linken Fahnenträgern, noch unter den verkleideten und bestens gelaunten Durchschnitts-Demonstranten machte sich angesichts der paar hundert Gewaltbereiten aber auch nur ein Hauch von Unwohlsein breit.

Nach gut einer halben Stunde, in der der schwarze Block im Bahnhofsviertel – indem vor allem Araber und Türken ihre Geschäfte haben – unter anderem „Freiheit für Kurdistan“ skandierten, meldete sich die ehemalige RAF-Terroristin Inge Viett schließlich per Megafon aus einem Auto heraus, dank getönten Scheiben weitgehend vor neugierigen Blicken und aufdringlichen Fotografen geschützt.

Viett war RAF-Mitglied und Teil der „Bewegung 2. Juni“. 1982 tauchte sie in der DDR unter und wurde nach ihrer Enttarnung 1990 wegen versuchten Mordes an einem Polizisten zu dreizehn Jahren Haft verurteilt. Bis heute hat sich Viett nie von den bewaffneten Aktionen der RAF distanziert.

Was mir bis heute noch ein gewisses Unwohlsein bereitet, ist das, was geschah, als ich mich erdreistete, an die Spitze des Zuges zu gehen und die Antifa frontal zu fotografieren. Auf das Zeichen einer vermummten Demo-Teilnehmern hin, löste sich ein Mitglied des schwarzen Blocks aus seinen Reihen und ging direkt auf mich zu. „Wenn das Foto gedruckt wird, dann weißt du, was passiert!“, drohte er. Ich gab ihm freundlich, aber bestimmt zu verstehen, dass er sich wieder, pardon, verpissen kann. Das tat er dann auch und ging zurück in seinen Trupp.

„Wir haben dich auf dem Schirm!“

Am Marienplatz, dem Ende des Demonstrationszugs angekommen, kapselte ich mich schnell von den Demo-Teilnehmern ab und stellte mich weit abseits, um meine Fotos anzusehen und meine Notizen kurz zu überfliegen. Da kniete sich ein dicker Langhaariger einige Meter vor mir auf den Boden und fotografierte mich. Mit einem Nicken verschwand er wieder.

Die Nachricht war angekommen: Wir haben dich auf dem Schirm! Als Reaktion darauf verschwand ich wiederum schnellstmöglich in der U-Bahnstation und fuhr davon. Ich glaube, das war der Tag, an dem der Konservative in mir zu wachsen begann. Seitdem weiß ich in etwa, das Linksextremismus eben kein aufgebauschtes, sondern ein reales Problem ist, über das kaum einer spricht.

Sie sollten die Stadt verlassen!

Im Juli 2017 findet nun der G20-Gipfel in Hamburg statt. „Hamburg Aktuell“ berichtet: „Die Polizei Hamburg rechnet für Juli mit den schlimmsten Krawallen aller Zeiten in der Hansestadt. Deutlich schlimmer noch als die Mai-Krawalle im vergangenen Jahr“, sagt der Moderator. „Spätestens ab April befürchten die Beamten zunehmend mehr Straftaten, die in Verbindung mit dem Gipfeltreffen stehen. Es gibt erste vorsichtige Schätzungen, die von 8000 Militanten, Gewaltorientierten, Gewaltbereiten ausgehen.

Aus einem internen Papier der Polizei geht hervor, dass es auch zu Anschlägen auf die Infrastruktur kommen soll, auf den Hafen, den Elbtunnel, auf Strom- und Telefonmasten. „Das ist kein normaler Straßen-Krawall, das ist organisierter uns strukturierter Krawall, der auf die Straßen getragen wird. Und das ist gefährlich“, sagt Joachim Lenders Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft in Hamburg.

„Ist Hamburg auf so etwas vorbereitet?“, fragt der Moderator. „Nein, sind wir nicht. Und wir werden es unmöglich mit unserer eigenen Landespolizei schaffen“, antwortet Lenders. Und dann fügt er diesen einen, entscheidenden Satz an: „Wenn ich kein Polizist wäre, würde ich die Stadt verlassen.“ Das klingt nun aber gar nicht nach einem aufgebauschten Problem.

Dieser Beitrag ist leicht verändert auch auf der „Die Achse des Guten“ von Henryk M. Broder und Dirk Maxeiner erschienen.