Zur „Vogelschiss“-Debatte

Wegen exander Gaulands „Vogelschiss“-Zitat vom Wochenende sind immer noch alle aus dem Häuschen. Zahlreiche Artikel und Meinungsbeiträge wurden veröffentlicht, weitere werden folgen. Und ich frage mich, warum ganz Mediendeutschland Mal wieder über einen dummen Satz schreibt und diskutiert, statt über die wirklich wichtigen Themen. Ist es nicht längst kalter Kaffee, dieses Provokations-Empörungs-Muster, das mit jeder – mal mehr, mal weniger – umstrittenen AfD-Äußerung einhergeht?

Einmal mehr führen wir also eine reine Formulierungs-, keine Sachdebatte. Und auch dieses Mal werden wir – sobald wieder Ruhe einkehrt – keinen Schritt weiter sein. Denn statt über das Unsinnige, das Empörende zu diskutieren, sollten wir uns lieber dem Sinnigen, dem Konstruktiven widmen. Anlässe gäbe es genug.
Wann genau sind wir eigentlich in diese banalen Untiefen gestürzt, die mittlerweile Tag ein, Tag aus in meinen Newsfeed gespült werden? Auf Twitter antwortete mir jemand: „Aber, wenn man sich über sowas nicht mehr empört…ist das doch viel schlimmer. Oder?“. Ist es nicht. Denn ein kluger Erwachsener, der ernsthaft an gesellschaftspolitischen Debatten interessiert ist, sollte überhaupt nicht „empört“ sein. Er sollte klare Kante zeigen, ja, aber seine Argumente und Gegenargumente überzeugend und stichhaltig darlegen können. Und vor allem sollte er in der Lage sein, sich nicht ständig aufs Neue von irgendwem oder irgendwas provoziert zu fühlen. Übrigens: Herr Gauland distanziert sich nun selbstredend – und findet Mal wieder, er sei bewusst falsch verstanden worden.

P.S. Falls jemand noch auf der Suche nach wichtigeren Themen ist, der findet zum Beispiel hier eines. Und hier.

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Alles bleibt anders

Meine bisher letzten Beiträge stammen noch aus dem August 2017, dann wurde es einige Monate still auf diesem Blog. Damals schrieb ich über das Wahlverhalten der Russlanddeutschen – das vielfach in Richtung AfD tendiert – und die, Sie ahnen es, Anfeindungen der angeblich Bunt-Toleranten. Ebenso über die deutschen Hochschulen, die anno dazumal echte Bildungseinrichtungen für selbstständiges Denken waren, also angeblich, aber seit geraumer Zeit zu ermüdend-eindimensionalen Gesinnungseinrichtungen verkommen. Zeitweise dachte ich, nach den Bundestagswahlen könnte es ruhiger werden um die AfD und anderes, die politischen Debatten gar ein wenig enthysterisiert werden. Nur ein bisschen. Doch nichts hat sich verändert. Im politischen Diskurs jedenfalls nicht.
Deutschlands berühmtester Irokesenmann redet und schreibt heute den gleichen Unsinn wie im August 2017. Die FAZ verabschiedet sich weiter von ihrem ehemaligen Stammpublikum und verwechselt nun – ähnlich der Süddeutschen Zeitung – auch schon Skepsis mit Ablehnung, Religionskritik (von „Westeuropäern“) mit der Ablehnung quasi aller Menschen aus dem afrikanischen und arabischen Raum sowie die klare Betonung eigener Werte und Normen mit der totalen Diskriminierung anderer Lebensentwürfe. Zu überfliegen hier. Und die 25.000 oder mehr, die in Berlin am Wochenende gegen die AfD demonstriert haben, stören sich nach wie vor nicht an den linken und linksextremen Gewalttätern in ihren eigenen Reihen. Lustig nur dieser Tweet der Amadeu-Antonio-Stiftung:

Ansonsten – auch wenn es schon etwas her ist – haben ein handvoll prominenter Unterzeichner die „Erklärung 2018“ als Petition auf den Weg gebracht. Ein Dossier von der Achse des Guten ist hier zu finden, die Petition mit der Nummer 79822 hier.
Und weil sich nichts verändert hat, sich aber vieles tut, schreibe ich an dieser Stelle künftig wieder öfter. Weniger in ganzen Beiträgen, mehr in Nuancen, in kurzen bis mittellangen Einträgen. Das spart Zeit für größere Projekte, die schon zu lange auf ihre Umsetzung warten.

An deutschen Hochschulen ist die Zensur los

Unter dem Deckmantel der Politischen Korrektheit lassen sich an Deutschen Hochschulen zunehmend Vorkommnisse beobachten, die die akademischen Verantwortlichen eigentlich als das benennen sollten, was sie sind: Demokratieverweigerung und Angriffe auf die Freiheit. Anstatt klare Kante zu zeigen, paart sich die Radikalität der einen mit dem Opportunismus der anderen. Das hat Folgen. Continue reading „An deutschen Hochschulen ist die Zensur los“

Warum Russlanddeutsche „umstritten“ wählen

Egal ob Grünen-Politiker, ausländischer Autor oder überzeugte Feministin: Wer der linken Willkommenskultur widerspricht, wird schnell zum Feind erklärt. Nun könnte es deshalb eine ganze Volksgruppe treffen: die Russlanddeutschen, weil viele von ihnen bei der Bundestagswahl für die AfD stimmen werden. Das bringt die Linken in Rage.  Continue reading „Warum Russlanddeutsche „umstritten“ wählen“

Ein Brief an die stern-Redaktion

Lieber Herr Jörges, liebe stern-Redaktion,

haben Sie Verwandte für die Sie sich so richtig schämen? Und ich meine nicht die kleinen Peinlichkeiten, wie einen Onkel, der sich bei jeder Familienfeier komplett die Kante gibt, oder eine Cousine, die alle zwei Wochen ihren Freund wechselt, und jedes Mal ist der noch etwas dümmer und einfältiger als der davor. Nein, ich meine so richtig zum Schämen, weil bestimmte Verhaltensweisen und Aktionen dieser Person Sie eben nicht nur rot anlaufen lassen, sondern sich bei Ihnen jedes Mal der Magen umdreht, wenn die nächste horrende Peinlichkeit um die Ecke kommt, Sie jedes Mal einfach nur davonrennen wollen, weit weg, ohne Wiederkehr, ohne jeglichen Kontakt in der Zukunft. Continue reading „Ein Brief an die stern-Redaktion“

Was Medien im Umgang mit Charlottesville beachten sollten

In der Berichterstattung über Charlottesville paart sich Ignoranz mit politischem Lagerdenken. Kausale Zusammenhänge werden verschwiegen, US-Präsident Trump mal wieder ins Fadenkreuz der Medien gezerrt – und kaum jemand scheint zu verstehen, um was es wirklch geht: den gesellschaftlichen Nährboden, auf dem solche Gewaltausbrüche gedeihen können Continue reading „Was Medien im Umgang mit Charlottesville beachten sollten“

G20-Krawalle: Ihr relativiert – ich war dort

Während ich diese Zeilen schreibe, parkt meine Freundin gerade ihr Auto um. Nicht unbedingt aus Angst, dass der Kleinwagen, kein Porsche oder Mercedes, tatsächlich brennen könnte. Es ist eher eine Vorsichtsmaßnahme. Ein bisschen so, wie man seinen Kindern rät, nicht zu nahe an den Felsvorsprung zu treten. Man weiß ja nie. Unser Felsvorsprung, hinter dem das Chaos wartet, ist nur eine „Kurzstrecke“ entfernt. Über mir kreist ein Helikopter, Martinshörner heulen. Eben schrieb mir mein Vater, ob bei uns alles in Ordnung sei. Eine Bekannte ist derweil auf dem Weg nach Sylt. Da sei es sicher, sagte sie, und lud uns ein, tagsdrauf nachzukommen.

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Auf Hümmling sind die Rechten los

Weil auf Hümmling asylkritische Flyer der Wochenzeitung Junge Freiheit im Umlauf sind, sei die Bevölkerung beunruhigt, meldet die Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ) und bläst das Thema auf. Ein Redaktionsleiter nutzt die Chance, sich als aufrechter Demokrat zu inszenieren – und sogar der Staatsschutz ermittelt. Ein kleines Lehrstück der Kategorie „Hysterie gegen Rechts“
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Journalisten im Buzzword-Chaos

Es hätte nicht viel gefehlt und auf meiner Visitenkarte stünde heute nicht „Journalist und freier Autor“, sondern „Heilpädagoge“ oder vielleicht „Psychotherapeut“. Haben Heilpädagogen Visitenkarten? Ich entschied mich Anno Dazumal allerdings gegen ein Psychologie- oder Soziale-Arbeit-Studium und für den Journalismus, der damals – zumindest nahm ich das so wahr – noch einen gewissen Anspruch hatte. Natürlich nicht in allen Redaktionen, versteht sich. Die BILD gibt es ja schon deutlich länger als mich, ebenso wie andere Boulevard-Medien, die aber immerhin noch als solche identifizierbar waren. Da gab es den Boulevard einerseits und die seriösen Medien andererseits. So einfach, so wundervoll.

Klingt nach Essstörung

Dann änderte – soweit ich das überblicke – zuerst FOCUS Online seine Vermarktungs-Strategie, andere (ehemalige) Qualitätsmedien folgten. Überschriften wurden boulevardesker, um mehr „Klicks zu generieren“ und erstmals hörte ich von dem Begriff „bouliös“, einer Mischung aus boulevardesk und seriös, was nicht nach Journalismus, sondern nach einer Essstörung klingt. Auf die boulevardesken Überschriften folgten boulevardeske Inhalte. Und zu diesen Inhalten gehören, spätestens seit Beginn der Asylkrise, auch allerlei Buzzwords, die regelmäßig zum Einsatz kommen, wenn eine Redaktion oder ein Politiker mal wieder „Haltung zeigt“.

Wenn man Medien und Redaktionen kritisch begleitet, kann ein bisschen Grundwissen im Fach „Pädagogik und Psychologie“ nicht schaden. Das bekam ich in der 11. und 12. Klasse der Fachoberschule. Ein Begriff aus der Psychologie ist das sogenannte Labeling, das in einem Online-Lexikon kurz mit „ Etikettierung, die Zuordnung zu einem Objekt oder das Verwenden erlernter Zuordungen“ beschrieben wird. Heißt: Man drückt etwas oder jemandem einen Stempel auf. Nicht selten hat das für die Opfer weitreichende Folgen, zum Beispiel soziale Isolation, was zu psychischen Erkrankungen führen kann. Labeling ist also nicht gerade das, was man unter einem gesunden und freundlichen Umgang mit seinen Mitmenschen versteht.

Die FAZ im Begriffs-Wirrwarr 

Dass sich viele ehemals seriöse Redaktionen mittlerweile ausgerechnet des „Labelings“ bedienen, um Kritiker oder politisch Andersdenkende zu diffamieren, gesellschaftlich zu isolieren oder schlicht mundtot zu machen, ist hinreichend bekannt. Besonders beliebt ist die Zuschreibung „Rechtspopulist“, gekoppelt an allerlei andere Labels wie „Rassist“, „Islamhasser“ oder „Schwulenfeind“. Auch das kann weitreichende Folgen haben. Nur, dass zur psychischen Belastung unter Umständen noch brennende Autos, gebrochene Gliedmaßen und massive Polizeiaufgebote hinzukommen. Es gibt aber auch gute Nachrichten: Denn viele Redaktionen scheinen sich zunehmend im eigenen Labeling-Chaos zu verlieren.

Neulich laß ich einen Artikel über Marine Le Pen auf der Online-Seite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in dem der Autor gleich mehrfach zwischen den Begrifflichkeiten „rechtsradikal“ und „rechtsextremistisch“ hin und her wechselte. Die Bundeszentrale für politische Bildung hilft bei der Aufklärung:

„Als extremistisch werden die Bestrebungen bezeichnet, die gegen den Kernbestand unserer Verfassung – die freiheitliche demokratische Grundordnung – gerichtet sind. Über den Begriff des Extremismus besteht oft Unklarheit. Zu Unrecht wird er häufig mit Radikalismus gleichgesetzt. So sind z.B. Kapitalismuskritiker, die grundsätzliche Zweifel an der Struktur unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung äußern und sie von Grund auf verändern wollen, noch keine Extremisten.“

Und weiter:

„Von den Behörden und der Sozialwissenschaft wird der Begriff Rechtsradikalismus (…) auf Personen und Organisationen gerichtet, die klar rechts der Mitte des politischen Spektrums stehen, dabei allerdings im Rahmen der Verfassung bleiben.“

Rechtsradikale und Rechtsextremisten – ob überhaupt eines der beiden auf Le Pen zutrifft, das sei mal dahingestellt – als ein und dasselbe zu verkaufen, ist in etwa so als würde man behaupten, Handball und Fußball sei der gleiche Sport, weil beides mit einem Ball und zwei Toren gespielt wird. Ein Politikredakteur, vor allem bei einer Instanz wie der FAZ, sollte – möchte man meinen – zwischen solch zentralen Begrifflichkeiten unterscheiden können. Liebes FAZ.net, wo rekrutiert ihr eigentlich eure Mitarbeiter? An der Bushaltestelle?

Macht kaputt, was Euch kaputt macht

In einem anderen Artikel, dieses Mal von der Berliner Zeitung, nimmt das Labeling derart groteske Formen an, dass man über obiges Beispiel nur milde Lächeln kann. Da schreibt ein Mitarbeiter zur Diskussion über Xavier Naidoo doch glatt, dieser sei zuletzt vermehrt in die Kritik geraten – und zwar wegen „rechtsextremen und populistischen Texten“.

Mal ernsthaft, liebe Berliner Zeitung: Wenn systemkritische Texte von Xavier Naidoo rechtsextremistisch sein sollen, was waren – beziehungsweise sind – dann eigentlich die Texte von einschlägigen Neonazi-Bands wie „Landser“ oder, pardon, „Zillertaler Türkenjäger“? Und wenn Systemkritik heute rechtsextremistisch ist, was waren dann eigentlich „Ton, Steine, Scherben“?

An dieser Stelle sei erwähnt, dass sich Claudia Roth ganz besonders über Naidoos Systemkritik empörte („Pegida-Sprech“). Die wiederum war mal Managerin von „Ton, Steine, Scherben“, die einst die Antifa-Hymne „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“ dichteten. Verrückt, oder? Aber das nur am Rande.

Sehen wir es positiv

Dass das Labeling in den Redaktionen und auch in der Politik solch absurde Formen annimmt, mag unangenhehm sein, vor allem für die Opfer. Aber sehen wir es positiv: Die Bedeutung der klassischen Medien wird weiter sinken, solange journalistische Grundsätze nicht mehr eingehalten werden, ebenso wie die Umfragewerte der Grünen, denen wohl gar nichts mehr helfen kann. Das hirnlose Um-sich-Schlagen könnte also auch ein Indiz dafür sein, dass einige Protagonisten in Panik sind. Und Panik beschleunigt bei Ertrinkenden bekanntlich das Ableben.

Kurzum: Ich freue mich schon auf die Bundestagswahl und auf die nächsten IVW-Zahlen. Und natürlich auf das neue Album der Söhne Mannheims – und alle Alben, die noch folgen werden, wenn andere längst in der Bedeutungslosigkeit versunken sind.

 

 

 

 

 

 

Über die Anti-AfD-Initiative „KleinerFünf“

Dunya treibt „das positive Gefühl an, gemeinsam demokratisch zu handeln“. Hannah macht sich Sorgen, weil „Homo- und Trans*phobie wieder ansteigen“. Johanna will „mehr Mutreden hören, keine Angstmache“. Und Wiebke engagiert sich „weil ich gerne in einer offenen und demokratischen Welt lebe“. Dies sei, weiß Wiebke, „keine Selbstverständlichkeit, sondern eine in den letzten Jahrhunderten erkämpfte Errungenschaft.“ Selbstverständlich müsste es nicht „letzten Jahrhunderten“, sondern „vergangenen Jahrhunderten“ heißen. Aber vielleicht geht die Welt ja wirklich unter, wenn die zitierten Damen und ihre Mitstreiter scheitern. Die Indizien dafür sind nämlich zahlreich.

Die Offenbarung des Johannes
Dunya, Hannah, Johanna und Wiebke engagieren sich gemeinsam mit anderen für die Initiative „KleinerFünf“. Mit ihrem „demokratischen Handeln“ und ihren „Mutreden“ wollen sie aufklären und verhindern, dass die AfD bei der Bundestagswahl über fünf Prozent kommt. Deshalb sucht man auf der Seite der Initiative die beschworenen „Mutreden“ aktuell auch noch vergebens, stattdessen wird die AfD zu einem sexistischen, homophoben und rassistischen Monstrum aufgeblasen, das nach der Bundestagswahl alles verschlingen und die Welt in die Apokalypse führen könnte. Weniger „Mutreden“, mehr „Offenbarung des Johannes“.

Nun muss man, der Herr ist mein Zeuge, kein AfD-Mitglied sein, nicht mal mit dieser Partei sympathisieren, um den vielfach erbittert und auch verbittert geführten Kampf gegen sie mit einer gewissen Skepsis und Verwunderung zu begleiten. Da wird angeblich gegen Angstmacherei angeredet und gleichzeitig das Ende der Demokratie prophezeit, sollte die AfD in den Bundestag einziehen. Das Ende der Welt, wie wir sie kennen, scheint – glaubt man den teils völlig hysterischen AfD-Gegnern – schon an die Türen der deutschen Gartenlauben und des Reichstags zu klopfen.

Ringel Ringel Reihe
Das goldene Kalb, um im biblischen Duktus zu bleiben, scheint heute der „Kampf gegen Rechts“ zu sein, um den Dunya und Wiebke Hand in Hand „Ringel Ringel Reihe“ tanzen, mit Sonnenblumen im Haar und der Liebe zum Internationalismus im Herzen. Doch so wenig die Logik in Glaubensfragen gilt, so wenig nachvollziehbar sind auch die Gründe, warum die AfD laut „KleinerFünf“ nicht in den Bundestag einziehen sollte.

„Flüchtlinge will die AfD so lange schützen, bis der Fluchtgrund aufgehoben ist. Dann soll es Rückkehrhilfen und Wiederaufbauprogramme in den betreffenden Ländern geben“, schreibt „KleinerFünf“ in einer „AfD-Analyse“ auf ihrer Seite. Was? Flüchtlinge schützen, bis der Fluchtgrund aufgehoben ist? Und dann auch noch Rückkehrhilfen und Wiederaufbauprogramme! Ist ja unerhört!

Und dann bekennt sich die AfD auch noch zur „traditionellen Familie als Leitbild” und offenbart laut „KleinerFünf“ ihre „rassistische Ausrichtung“, weil – schon wieder unerhört! – sie darauf hinweist, dass Migranten im Durchschnitt mehr Kinder bekommen als, ähm, Menschen, die schon länger hier leben, was „den ethnisch-kulturellen Wandel der Bevölkerungsstruktur“ vorantreibt. Das alles muss eigentlich schon genügen, dass Wiebke die „offene und demokratische Welt“ in Gefahr sieht. Es kommt aber noch besser.

Klingt nach Kindernachrichten
Meinen Lieblings-Teil möchte ich an dieser Stelle etwas ausführlicher zitieren. In ihrer AfD-Kritik schreiben die Initiatoren von „KleinerFünf“ unter der Überschrift „Europa der geschlossenen Türen“:

Die AfD wirbt für ein „Europa der Vaterländer“. Sie versteht die europäische Staatengemeinschaft als eine „Wirtschafts- und Interessengemeinschaft souveräner, lose verbundener Einzelstaaten“. Wenn es nach der AfD geht, dann sind die Türen zu Europa geschlossen und der Eintritt exklusiv.Solch nationalistische Tendenzen haben in den vergangenen 100 Jahren jedoch zu vielen Konflikten und Kriegen geführt.

„Die Türen zu Europa geschlossen und der Eintritt exklusiv“ klingt drastisch, steht so aber auch gar nicht im AfD-Programm, sondern ist lediglich eine wenig wohlwollende Interpretation von „KleinerFünf“. Denn eigentlich geht es der AfD lediglich um Grenzkontrollen und regulierte Einwanderung. Das schreibt „KleinerFünf“ aber nicht, weil es viel zu harmlos, ja, sogar durchaus sinnvoll klingen könnte, wenn man an den islamistischen Terror denkt und an hunderte Millionen Menschen, die sich in den kommenden Jahren theoretisch auf den Weg nach Europa machen könnten. Das ist aber noch gar nicht der total verrückte Teil.

Richtig irre wird es erst bei der Feststellung, dass nationalistische Tendenzen „in den vergangenen 100 Jahren jedoch zu vielen Konflikten und Kriegen geführt haben“. Das klingt nicht nur so, als entstamme der Satz den Kindernachrichten, er hält einer logischen Betrachtung auch nicht stand, wie ich finde.

Besinnung auf kulturelle Identität
Nicht nationalistische Tendenzen – man könnte bei der AfD auch schlicht von „nationale“ Tendenzen sprechen, das klingt „KleinerFünf“ aber nicht harsch genug – haben zu vielen Kriegen und Konflikten geführt, sondern einerseits der Wunsch nach der Ausweitung des Staatsgebietes. Andererseits: Nicht die Besinnung auf das vorhandene Land mitsamt seiner politischen, religiösen und kulturellen Identität, worum es der AfD eigentlich geht, führte zu Kriegen und Konflikten, sondern gewaltsame Versuche, die eigene Macht auszuweiten und anderen seine politischen, religiösen und kulturellen Vorstellungen aufzuzwingen. Das erleben wir momentan eindrucksvoll beim Islamischen Staat.

Wenn man der Logik von „KleinerFünf“ weiter folgt, käme man außerdem zu dem Ergebnis, dass zentral gesteuerte Staatenbündnisse ein besserer Garant für Frieden und Stabilität seien als einzelne Länder, die souverän nebeneinander existieren und nur vereinzelt, zum Beispiel beim Handel, gemeinsame Sache machen. Ich frage mich ernsthaft, wo Hannah und Wiebke Geschichtsunterricht hatten? Auf dem Mars? Anders kann ich mir nicht erklären, dass die „KleinerFünf“-Macher offenbar noch nie etwas von der Sowjetunion gehört haben.

Ein mahnendes Beispiel
Natürlich kann und darf man die AfD kritisch betrachten. Das sollte man als aufgeklärter Demokrat übrigens mit allen Parteien tun. Auch eine kritische Auseinandersetzung mit der Europäischen Union von heute wäre angebracht. Mit Angela Merkel, Donald Trump, Martin Schulz, mit allem und jedem von politischer Relevanz. Manchmal wäre aber auch eine kritische Betrachtung der eigenen Kritik wünschenswert. Sonst läuft man Gefahr, dass man am Ende wenig Inhaltliches und viel Polarisierendes publiziert. „KleinerFünf“ sei hier als mahnendes Beispiel genannt.