Was erlauben, Kai?!

„Was erlauben, Horst?!“, schreit Kai Gniffke in der Ferne, sichtlich angewidert von den jüngsten Entwicklungen. Denn Horst Seehofer tritt vorerst nicht zurück, und das, obwohl Süddeutsche Zeitung, DIE ZEIT, die Neue Zürcher Zeitung und andere die Eilmeldung doch schon verschickt hatten. Noch schlimmer allerdings: Gniffke selbst war es, der in den gestrigen Tagesthemen Mal so richtig mit Seehofer abrechnete. Vor lauter Erregung mit beiden Armen auf dem Moderatoren-Tresen abgestützt, entfuhren ihm Perlen wie „Der Rücktritt von Horst Seehofer wäre eine Befreiung für Deutschland“ und dass damit endlich “ein Ende der bajuwarischen Profilneurosen” gekommen wäre.

Ein äußerst kurzweiliger Auftritt: Der Fremdscham wegen, die immer aufkommt, wenn das Gebärden nicht so recht zur Type passen will. Aber auch, weil ARD-Mann Gniffke zwar stets bemüht war, im Konjunktiv zu bleiben, es aber insgesamt eine endgültige und obendrein eine sehr persönliche Abrechnung war. Eine Abrechnung, die sich nicht nur gegen den CSU-Politiker Horst Seehofer richtete, sondern auch gegen den Mensch Horst Seehofer – den Gniffke offenkundig zutiefst verabscheut.

Und nun? Seehofer bleibt (vorerst) Vorsitzender der CSU und Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat. Und Kai Gniffke bleibt (vorerst) Chefredakteur von ARD-aktuell und somit auch der Tagesschau und der Tagesthemen. Schade eigentlich, denn ein Rücktritt Gniffkes könnte doch das langersehnte Ende der öffentlich-rechtlichen Profilneurosen bedeuten. Was erlauben, Kai?!

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Wieviel Identität braucht der Mensch?

Vom Oktoberfest in München bis zum Ochsenrennen in Münsing tragen die Männer Lederhosen und die Frauen Mieder. Vom Herzoglich Bayerischen Brauhaus am Tegernsee bis zur kleinsten Brauerei im bayerischen Hinterland wird nach dem Reinheitsgebot gebraut. Am 1. Mai tanzt man rein, zu Blasmusik – und je größer der Gamsbart am Trachtenhut, desto stattlicher der Bursche.
Wohl nirgendwo in der Bundesrepublik wird Tradition und Brauchtum mehr gepflegt als in Bayern, wofür der Freistaat bewundert wie verspottet, kritisiert wie bejubelt wird. Letzteres vor allem von Italienern und Australiern, die einzig der Wiesn wegen nach München pilgern.
Selbstredend prallen das Gestern, das Heute und das Morgen im südlichsten Bundesland Deutschland stark aufeinander. Mal spaßig, etwa bei der sogenannten „Volxmusik“, einer Mischung aus Volksmusik und Pop. Mal absurd, wenn die erwähnten Australier in Plastiktracht ins Bierzelt stolpern. Mal unvereinbar, wenn – wie im Jahr 2015 geschehen – der Brauch des Fensterlns an der Universität Passau verboten wird. Die Gleichstellungsbeauftragte wertete den Brauch als sexistisch.

Wie die Weißwurst vor dem zwölften Glockenschlagen
Die Entscheidung des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, in allen Ämtern und Behörden christliche Kreuze aufhängen zu lassen, ist in einer langen Liste von Kollisionen nur die jüngste ihrer Art. Wenn auch eine, die – wie die Causa Fensterln – unter die Rubrik „unvereinbar“ fällt.
Die eine Perspektive, die der CSU und ihrer Unterstützer, klingt so: Der christliche Glaube sei eng mit der bayerischen Tradition verbunden. Ein Gottesdienst, etwa im Rahmen eines Schützenfestes oder zum Oktoberfest, gehöre ebenso zum echten Bayern wie das obligatorische Wirtshaus im Dorfkern oder die Weißwurst vor dem zwölften Glockenschlagen. Demnach sei ein Kruzifix an der Wand vor allem ein Ausdruck der „geschichtlichen und kulturellen Prägung Bayerns“ (CSU).
Die Gegenposition liest sich so: Mit dem Vorstoß instrumentalisiere Söder die Religion, grenze Muslime, Atheisten, Juden aus und zeige, wie er zur Trennung von Kirche und Staat stehe. Grünen-Politikerin Claudia Roth, bekanntlich nie um moralische Zurechtweisung verlegen, sprach gar von einem „in hohem Maße unchristlichen, unanständigen Verhalten“.
Auf den ersten Blick ist diese Kreuz-Debatte eine sehr bayerische. Schon deshalb, weil so ein Vorstoß wohl nur in Bayern möglich wäre. Doch es geht um mehr: den schmalen Grat zwischen Tradition und Folklore und um Spannungsfelder zwischen Weltoffenheit und Zugehörigkeitsgefühl, zwischen Fremdem und Bekanntem, Nahem und Fernem. Und um die Frage, wieviel Identität der Mensch braucht? Viel, findet gleichwohl Markus Söder. Continue reading „Wieviel Identität braucht der Mensch?“