Coronarepublik

Am heutigen Mittwoch wird der Lockdown wohl einmal mehr, diesmal bis in den März, verlängert. Und einmal mehr ist die Bevölkerung, sind wir gezwungen, uns damit abfinden zu müssen. Mich lässt die Plan- und Alternativlosigkeit, mit der die deutsche Politik das Virus zu bekämpfen glaubt, zunehmend fassungslos zurück. Ebenso der anmaßende Ton und das autoritäre Gebaren, mit dem die Bürger ganz bestimmt auch heute Abend wieder konfrontiert werden, insofern sie die Tagesschau noch einschalten. Dass ich im schönen München und damit mittlerweile auch in der Landeshauptstadt der Söderschen Corona-Republik (früher Bayern) lebe, hellt meinen Gemütszustand nicht gerade auf.

Denn manches von dem, was Bürger in anderen Bundesländern fürchten oder bis vor einem Jahr noch als Fiktion abgetan hätten, ist bei uns längst Realität. Darunter die unsägliche Ausgangssperre ab 21 Uhr, für die es keinerlei evidente Grundlage gibt. Im Prinzip ist diese Regel – ähnlich dem Beherbergungsverbot – zuvorderst Symbolpolitik, die den Bürger als Gängelung trifft und ihm punktuell eine dermaßene Angst in die Glieder fahren lässt, dass er sein ohnehin eingeschränktes Leben nur noch unsicherer vor sich hinleben kann. Das traf jüngst meine Schwester zum Beispiel, die ihren geplanten Zug verpasste und später mit dem Taxi vom Bahnhof nach Hause fuhr, hoffend, nicht von der Polizei aufgegriffen zu werden, weil sie sich erdreistete, als Bürgerin dieses Landes um 21.40 Uhr noch auf der Straße zu sein.

Nun lässt sich freilich darüber streiten, wie wirkungsvoll die Lockdown-Maßnahmen tatsächlich sind. Ich bin kein Virologe oder Epidemiologe, sehe aber, dass selbst unter den Eingeweihten – übrigens im Gegensatz zu dem, was uns die Bundeskanzlerin heute Abend wieder im „Auf die Wissenschaft hören“-Duktus erzählen wird – keine Einigkeit herrscht. Diejenigen, die die Lockdown-Maßnahmen von Anfang an und generell ablehnten, sind ja längst in den Untergrund (sprich: nach Youtube) gegangen. Aber auch unter den meines Erachtens gänzlich Unverdächtigen werden schon seit geraumer Zeit Stimmen laut, wonach der Lockdown punktuell ein probates Mittel sein kann, aber eben keine Langzeit-Strategie ist, nie war und deshalb auch nicht als „Weiter so“ taugt. Auch, wenn beides, das „Weiter so“ und das Aussitzen ohne Zweifel zwei Merkmale der Regentschaft der Bundeskanzlerin sind.

Dies einerseits, andererseits dürfte auch der über die vergangenen Jahre fröhlich gewachsene Nanny-Staat eine Rolle spielen, der mittlerweile eben ganz selbstverständlich vom Versorgungsstaat zur Anstandsdame mutiert, weil ein Merkmal des Nanny-Staates eben schon immer ist, dass er glaubt, er wisse es besser als seine Bürger und müsste sie vor sich selbst schützen – oder eben vor dem, was ihnen den Virus bringt. Damit sind der aktuelle Lockdown und das generelle Rauchverbot in Gaststätten eigentlich auch nur zwei Kinder der gleichen Mutter. Aber ich schweife ab.

Ich habe mich in den vergangenen Monaten – wie wohl viele von uns – ausführlich mit dem Thema Corona beschäftigt, zuvorderst mit den Maßnahmen an sich, wie sich zwischen den Zeilen lesen lässt. Und so leid es mir tut – und ich habe es wirklich versucht –, doch ich habe wie ein Eichhörnchen vor Wintereinbruch gesammelt, nicht Nüsse, sondern Argumente, und wenn ich auf meine Pro-und-Contra-Liste gucke, sind die Argumente gegen die Lockdown-Maßnahmen in ihrer derzeitigen Ausprägung deutlich zahlreicher denn jene, mit denen sich der Dauer-Lockdown begründen lässt.

Unsere Regierung aber ficht das freilich nicht an. Und Zweifel sind angebracht, ob sich Frau Merkel und Herr Söder überhaupt die Mühe machen, abseits ihrer Corona-Experten – deren Rolle dem Vernehmen nach vor allem darin besteht, wissenschaftlich zu begründen, was die Kanzlerin und der Kanzler in spe beschlossen haben – auch mal hin zu hören oder zu lesen, was andere Vertreter vom Fach oder von ganz anderen Fächern wie der Wirtschaft, der Psychologie oder der Soziologie, die ebenfalls wichtig wären, zu sagen haben. Ganz zu schweigen von den Wirten, Friseuren und Einzelhändlern, deren Existenz für die alternativlose Lockdown-Politik geopfert wird, während die gleichen Verantwortlichen, die ihnen das antun, bei anderem wie der Beschaffung des Impfstoffs wenn nicht versagen, dann zumindest ein, sagen wir, fragwürdiges Bild abgeben.

Mich ärgert also erstens die Willkür, die in vielen der Maßnahmen steckt. Ob ich bis 21 Uhr daheim bin oder nach 21 Uhr noch an der Isar flaniere, hat schlicht keinen Einfluss auf das Corona-Geschehen. Mich ärgert zweitens, dass alle Bürger in Sippenhaft genommen werden, weil sich Einzelne partout nicht einmal an die sinnvollsten Maßnahmen halten. Eigentlich ein Unding in einem Rechtsstaat. Zum Beispiel die Gruppe Teenager, die neulich, während ich auf die Zubereitung eines Burgers wartete, zu acht auf einem bekannten Münchner Platz Fußball über die Köpfe der Passanten hinweg spielten. Mich ärgert drittens die Moralisierung der Debatte, wonach sachliche Kritik regelmäßig mit dem Vorwurf gekontert wird, die Toten seien einem egal und ob man denn die Bilder aus Bergamo schon vergessen hätte.

Mich ärgert viertens die Selbstverständlichkeit, mit der die Politik mittlerweile unsere Freiheit verwaltet als müsse man sich Bürgerrechte erst verdienen. Und mich ärgert fünftens, dass auf diesem großen Misthaufen, der schon zum Himmel stinkt, auch noch Bewegungen wie „Zero Covid“ gedeihen, die meinen, diese Corona-Zeiten seien gute Zeiten für einen System-Umsturz. Und trotzdem nicht – wie die Reichsbürger und andere Verfassungsgegner zu Recht – aus den demokratischen Redaktionen dieses Landes volles Rohr beschossen, sondern bisweilen auch noch für derlei Irrsinn gelobt werden.

Womit wir bei sechstens wären: Journalisten, die ihrer Rolle als kritische Geister ausgerechnet in diesen Zeiten partout nicht gerecht werden (wollen). Siehe der einst große Spiegel. Zitat aus einer Interviewfrage an den Virologen Christian Drosten: „Einen größeren Schaden als Corona-Leugner haben im vergangenen Jahr wohl Experten angerichtet, die immer wieder gegen wissenschaftlich begründete Maßnahmen argumentiert haben, zum Beispiel Jonas Schmidt-Chanasit und Hendrik Streeck.

Tatsächlich geht mir derweil nicht nur der Hut hoch, mir gehen auch die Ideen aus, wie ich meine Mentalhygiene behalte und mich nicht am nächsten Anti-Lockdown-Autokorso durch München-Sendling beteilige. Dabei bin ich als kinderloser Schreiberling in diesen Lockdown-Zeiten vergleichsweise gesegnet. Schreiben hilft nämlich, ebenso wie ausgedehnte Winterspaziergänge oder ein Blick durch die Terrassentür, wo sich Herr Kohlmeise gerade freut, dass ich ihm und seiner Peer-Group gestern noch Rosinen vom Türken um die Ecke ins Vogelhäuschen gelegt habe. Und wenn mir einer von der Zero-Covid-Fraktion kommt, kann ich ihn ja immer noch mit Schneebällen bewerfen. Aber ansonsten? Viele Fragezeichen. Wie muss es da erst denjenigen gehen, die so richtig unter den Lockdown-Maßnahmen leiden?

Ich jedenfalls mache mir jetzt einen Espresso, schaue Herrn Kohlmeise noch ein bisschen beim Vertilgen der Rosinen zu und denke darüber nach, ob wir die Moderne eigentlich schon überwunden haben und mittlerweile in einer Art post-modernen Dystopie gelandet sind. Denn man kann in einem Text ja nicht nicht jeden Gedanken erörtern. Wir lesen uns spätestens im März, wenn der Lockdown bis in den April verlängert wird. Keine Pointe.

Wieviel Identität braucht der Mensch?

Vom Oktoberfest in München bis zum Ochsenrennen in Münsing tragen die Männer Lederhosen und die Frauen Mieder. Vom Herzoglich Bayerischen Brauhaus am Tegernsee bis zur kleinsten Brauerei im bayerischen Hinterland wird nach dem Reinheitsgebot gebraut. Am 1. Mai tanzt man rein, zu Blasmusik – und je größer der Gamsbart am Trachtenhut, desto stattlicher der Bursche.
Wohl nirgendwo in der Bundesrepublik wird Tradition und Brauchtum mehr gepflegt als in Bayern, wofür der Freistaat bewundert wie verspottet, kritisiert wie bejubelt wird. Letzteres vor allem von Italienern und Australiern, die einzig der Wiesn wegen nach München pilgern.
Selbstredend prallen das Gestern, das Heute und das Morgen im südlichsten Bundesland Deutschland stark aufeinander. Mal spaßig, etwa bei der sogenannten „Volxmusik“, einer Mischung aus Volksmusik und Pop. Mal absurd, wenn die erwähnten Australier in Plastiktracht ins Bierzelt stolpern. Mal unvereinbar, wenn – wie im Jahr 2015 geschehen – der Brauch des Fensterlns an der Universität Passau verboten wird. Die Gleichstellungsbeauftragte wertete den Brauch als sexistisch.

Wie die Weißwurst vor dem zwölften Glockenschlagen
Die Entscheidung des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, in allen Ämtern und Behörden christliche Kreuze aufhängen zu lassen, ist in einer langen Liste von Kollisionen nur die jüngste ihrer Art. Wenn auch eine, die – wie die Causa Fensterln – unter die Rubrik „unvereinbar“ fällt.
Die eine Perspektive, die der CSU und ihrer Unterstützer, klingt so: Der christliche Glaube sei eng mit der bayerischen Tradition verbunden. Ein Gottesdienst, etwa im Rahmen eines Schützenfestes oder zum Oktoberfest, gehöre ebenso zum echten Bayern wie das obligatorische Wirtshaus im Dorfkern oder die Weißwurst vor dem zwölften Glockenschlagen. Demnach sei ein Kruzifix an der Wand vor allem ein Ausdruck der „geschichtlichen und kulturellen Prägung Bayerns“ (CSU).
Die Gegenposition liest sich so: Mit dem Vorstoß instrumentalisiere Söder die Religion, grenze Muslime, Atheisten, Juden aus und zeige, wie er zur Trennung von Kirche und Staat stehe. Grünen-Politikerin Claudia Roth, bekanntlich nie um moralische Zurechtweisung verlegen, sprach gar von einem „in hohem Maße unchristlichen, unanständigen Verhalten“.
Auf den ersten Blick ist diese Kreuz-Debatte eine sehr bayerische. Schon deshalb, weil so ein Vorstoß wohl nur in Bayern möglich wäre. Doch es geht um mehr: den schmalen Grat zwischen Tradition und Folklore und um Spannungsfelder zwischen Weltoffenheit und Zugehörigkeitsgefühl, zwischen Fremdem und Bekanntem, Nahem und Fernem. Und um die Frage, wieviel Identität der Mensch braucht? Viel, findet gleichwohl Markus Söder. „Wieviel Identität braucht der Mensch?“ weiterlesen