Einfache und schlechte Antworten

Landauf, landab werden seit geraumer Zeit Warnungen vor einfachen Antworten laut. Dabei sind die aufrichtigen Antworten zumeist sehr wohl sehr einfach. Wenn mich zum Beispiel jemand fragt, ob ich mich mit ihm befreunden oder mit ihm ein Bier trinken möchte, kann ich dies bejahen oder verneinen. Gleiches gilt für jede andere Entscheidung oder Aktivität, inklusive Beziehungsfragen, auch für jedwede rhetorische Frage, die der Chef stellt, ebenso für jede Frage, die meine Zukunft betrifft. Dass der einfachen Antwort eine Phase der komplexen Überlegungen vorausgehen kann, tut dem keinen Abbruch. Die meisten Antworten sind dennoch einfach, weil sie einfach sein sollen. Dies ist ihre stärkste Eigenschaft. 

Schlechte Antworten sind dagegen jene, die nicht einfach, die nicht klar sind. Komplizierte Antworten sind meist ein Zeichen: entweder von Schwäche, weil man Angst vor der Gegenreaktion des Gegenübers hat, von Unsicherheit, weil man sich der eigenen Antwort gar nicht gewiss ist, oder – und das besonders in diesen stürmischen Zeiten – von gesellschaftlichen Konventionen, die dazu führen, dass bestimmte Antworten in bestimmten Kreisen nicht akzeptiert werden. Auch dann nicht, wenn sich die lang gepflegte Utopie in der zu diskutierenden respektive zu beantwortenden Sache längst und zum wiederholten Male als wirre Fantasterei entpuppte. Etwa, weil sie wiederholt als Grundlage für irre Bestrebungen diente, die im ersten Schritt die Freiheit nur einschränkten, die neu geschaffene Unfreiheit im zweiten Schritt aber blutig verteidigten.

Es heißt, im Krieg sterbe die Wahrheit zuerst. Teil dieser Wahrheit kann immer auch die aufrichtige, die einfache Antwort sein.

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Barack Obama über lügende Politiker: Von richtigen und falschen Schlussfolgerungen

Barack Obama ist ohne Zweifel ein guter, ein aufgeweckter Redner. Im Zusammenhang mit Vorwürfen, andere würden unmoralisch handeln, wäre es allerdings aufrichtig – und eigentlich auch geboten – gewesen, setzte er die Maßstäbe, die er zu Recht an die Politik setzt (eigentlich meint er ja Trump), auch bei sich selbst an. Dazu gehört – etwa im „Sie versprechen Dinge, die sie nicht halten“-Zusammenhang – kritisch und aufrichtig auf die eigene Amtszeit zu blicken, statt es bei einer Anekdote über ein Gespräch zwischen Michelle und ihm über den Abwasch zu belassen, obgleich wunderbar menschelnd. Doch Obamas Bilanz als US-Präsident ist dürftig, was gerne vergessen wird, weil er im Auftritt immer die Art Präsident war, die eine moderne Marketingagentur erfinden würde. Gutes Marketing gestaltet aber nicht die Welt entscheidend um, geschweige denn, dass es dabei hilft, sie zu retten. Gutes Marketing lenkt ab vom Wesentlichen.

Man kann Trump beziehungsweise den Republikanern darüber hinaus nicht vorwerfen, dass sie nur über Einwanderung sprechen würden. Dafür sind die Diskursschauplätze zu – um ein Wort in anderem Zusammenhang als zuletzt gelernt, zu benutzen – zu bunt. Es geht in den Einwanderungsdebatten der vergangenen zwei, drei Jahre aber ohnehin nicht um – wie Obama sagt – „ein paar ausgehungerte Flüchtlinge tausende Meilen entfernt“, sondern um die zentrale Frage, wie die Migrationspolitik der Zukunft gestaltet werden muss und kann respektive muss oder kann, damit die Folgen eben keine negativen sind. Der Flüchtlingstreck in Mexiko, auf den Obama anspielt, ist nur eine von vielen Facetten dieser Debatte. Eine Debatte, die für jene westlichen Gesellschaften, die am stärksten Ziel von Migration sind, eine ganz entscheidende ist, eine zukunftsentscheidende nämlich. En détail weniger für demokratische Ex-Präsidenten als für den gewöhnlichen Arbeiter, versteht sich.

Die Tragik dieser Debatte – und in der Folge auch Ursprung ihrer Hysterie – ist die Erkenntnis, dass in der Migrationsfrage oft nur Entscheidungen getroffen werden können, die nicht umkehrbar sind. Dies schon aus reiner Menschlichkeit. Heiße ich Menschen heute zahlreich willkommen, muss ich ihre zahlreichen Kinder und Enkel morgen ebenso willkommen heißen, kulturelle Prägung inbegriffen. Offene Grenzen waren nie temporär, sie wirken nach. Bis heute und unter Umständen für immer. Diese Unumkehrbarkeit steht zur Debatte, nicht der Ankommende, nicht einzeln und nicht im Treck. Nicht „ein paar Flüchtlinge tausende Kilometer entfernt“. Dies nur am Rande.

Es ist eine Ansprache von Obama, die dennoch nicht schaden kann. Vorausgesetzt jene, die sie teilen, fühlen sich davon lager- und medienübergreifend angesprochen und nehmen dieses und anderes zum Anlass, über das eigene Handeln kritisch zu reflektieren, statt sich auf die Verurteilung der anderen zu beschränken. Vorausgesetzt sie verstehen sie mehr als Ansporn für konsequente Maßstäbe denn als Lob für das eigene, das individuelle Wertesystem. Dann – und nur dann nämlich – bringen derlei pathetische Ansprachen überhaupt etwas. Sie müssen gehört werden, verinnerlicht und am Anfang einer Schlussfolgerung stehen. Möge es die richtige sein.