Bitte stören

Radikale Vorschläge können eine gute Grundlage für wichtige Veränderungen sein. Dass sich die Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) in die Reformdebatte um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk einmischt und sie liefert, ist also erstmal richtig. Jan Böhmermann sieht das wenig überraschend anders – und dreht auf Twitter mal wieder frei. 

Jede Zeit hat die Komiker, die sie verdient, schrieb Bernd Stegemann so treffend im Cicero. Ich bin Jahrgang 1986, also aufgewachsen mit dem Humor von Harald Schmidt und Stefan Raab und Comedy-Sendungen wie der „Wochenshow“ und der „Bullyparade“. Bastian Pastewka als Brisko Schneider ist für mich legendär, „Raab in Gefahr“ lässt mich heute noch schallend lachen und ein Künstler wie Serdar Somuncu lässt mich zumindest hoffen, dass es um den Humor in Deutschland, trotz all der woken Leute da draußen, noch nicht ganz geschehen ist. Womit wir bei Jan Böhmermann und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk wären.

ARD, ZDF und Deutschlandfunk haben in Teilen der Bevölkerung mittlerweile einen schweren Stand. Denn unser öffentlich-rechtlicher Apparat ist weltweit nicht nur der größte seiner Art, er ist auch der teuerste. Der Informationsauftrag wird zwar durchaus bedient, aber dafür muss man meist zu den Spartensendern wechseln oder lange genug wach bleiben. Und wenn NGOs immer die Guten sind, Claus Kleber zur nächsten Klimarettungspredigt ansetzt, im Kulturmagazin TTT über “Rechte”, nicht mit ihnen geredet wird und Liberale wie Konservative bestenfalls als Sonderlinge inszeniert werden, schlechterdings allein gegen alle stehen, hat das mit Meinungspluralismus halt nicht mehr viel zu tun. 

Trotzdem ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk besser als sein Ruf. Ich höre beim Autofahren ausschließlich Bayern 1, ich mag den BR wegen seines gut gemachten Heimatprogramms und ehrlicherweise bietet all das, was schief läuft beim ÖR eben auch genug Stoff für Debattenbeiträge wie diesen. Ich finde außerdem, dass ein Florian Silbereisen seine Daseinsberechtigung hat. Schon deshalb, weil Oma dann gerne einschaltet und man als 82-Jährige vom Land ohne Internet nicht allzu viele Möglichkeiten hat, ein bisschen unterhalten zu werden. 

Eine Reform braucht der Apparat trotzdem; finanziell, strukturell und inhaltlich. Schon deshalb, weil der ÖR entstanden ist, als es noch keine Privatsender und erst recht kein Internet gab. Da muss man auch mal mit der Zeit gehen, finde ich. Und das finden auch Unionspolitiker der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) – und machen konkrete Vorschläge. Sie fordern etwa, ARD und ZDF zu fusionieren, das Audio-Angebot krass zu reduzieren, die Intendanten auf Beamten-Niveau zu bezahlen und kommerzielle Werbung von allen Plattformen zu verbannen. 

Klammert man den Status Quo der Öffentlich-Rechtlichen für einen Moment aus, denkt an einen fairen Wettbewerb mit den Privaten und darüber nach, wie ein ÖR wohl sinnvoll aussähe, würde man ihn heute erdenken, klingen derlei Vorschläge ziemlich plausibel, zumal auf Verhandlungsbasis. Gemessen am Status Quo des ÖR-Gebildes ist das Reformpapier wiederum ziemlich radikal. Daher gefällt es auch nicht jedem – und schon gar nicht denen, die dann das Nachsehen hätten. Womit wir jetzt wirklich bei Jan Böhmermann wären. 

Denn Böhmermann – Typ Austeiler, der nicht einstecken kann – hat mal wieder, optimistisch formuliert, schneller getwittert als nachgedacht. Und wie das eben so ist, wenn ein Böhmermann in den sozialen Netzwerken poltert, kam da einmal mehr recht Uninspiriertes bei rum: „Die Mittelstandsvereinigung der CDU sollte mit der rechtsextremen AfD fusionieren. Das wäre günstiger, inhaltlich sinnvoll und unnötige Mehrfachstrukturen würden so entfallen.“ Potzblitz, der Böhmermann. 

Mal abgesehen davon, dass dieser Tweet, sagen wir, intellektuell noch Luft nach oben hat, eskaliert Böhmermann unnötigerweise eine nötige Debatte, und beschert dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk – als dessen Vertreter Böhmermann in der Bevölkerung wahrgenommen wird – den nächsten Schlamassel. Denn es ist diese Art plumpen Schubladendenkens, kombiniert mit viel Arroganz und Ignoranz aus dem Elfenbeinturm der gebührenfinanzierten Existenzsicherung, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk mindestens in Erklärungsnot bringt, wenn nicht weiter in Verruf geraten lässt. 

So oder so ist diese Axt im Walde, als die sich Böhmermann regelmäßig präsentiert, ein Problem für eine altehrwürdige Medieninstitution, die aus anderen Gründen bereits in der Kritik steht. Und deshalb ist auch Böhmermann längst zum Problem für die Öffentlich-Rechtlichen geworden. Jeder unüberlegte Tweet, jede als Satire getarnte Provokation, jede als Gag verkaufte politische Botschaft schadet der Reputation des ÖR weiter. 

Es ist daher auch bemerkenswert, dass sich beim ZDF niemand berufen fühlt, Böhmermann auszubremsen, wenn der mal wieder frei dreht. Vielleicht wartet man aber auch lieber ab, ob sich das Problem nicht doch irgendwann von selbst lösen wird. Hat das ZDF vielleicht schon aufgegeben? Sagen wir so: Der ein oder andere Vorschlag, den ÖR besser zu machen, liegt ja nun auf dem Tisch. Ein weiterer Vorschlag ist hier zwischen den Zeilen zu lesen.  

Alarmsignale

Solidarität ist der treibende Motor einer intakten Gemeinschaft, las ich jüngst irgendwo. Ziemlich sicher war das im Kontext der Corona-Pandemie gemeint. Der Satz lässt sich aber auch auf die Medienbranche übertragen. Dass die „FAZ“ und die „SZ“ eine Vermarktungsallianz bilden, die Online-Angebote der „Frankfurter Rundschau“ und des „Münchner Merkur“ nun beide unter der Marke Ippen.Media laufen und eine Fusion von RTL und Gruner + Jahr im Raum steht, sind Entwicklungen, die gut illustrieren, dass auch die Medienbranche zu einer Gemeinschaft gewachsen ist. Zu einer Schicksalsgemeinschaft nämlich, die heute weniger miteinander ringt, denn mit all den Entwicklungen und Einflüssen, die von außen die gesamte Branche treffen. Digitalisierung, verhärtete Fronten, „Lügenpresse“-Vorwürfe, … Sie wissen schon.

Die Bezeichnung „Medienbranche“ ist eben kein Sammelbegriff, der nur eine heterogene Masse aus Unternehmen und Einzelpersonen meint. Denn die Akteure haben ähnliche Kämpfe zu kämpfen und existieren nicht unabhängig voneinander, sondern in Abhängigkeit zueinander, in eine Wechselbeziehung wie ein Ökosystem. Heißt etwa: Wenn im Jahr 2020 exakt 4085 Beschwerden beim Presserat eingegangen sind – damit doppelt so viele wie 2019 und mehr als jemals zuvor – ist das ein Problem für die gesamte Branche. Denn Ökosystem heißt eben auch: Kippt es hüben, ist das auch drüben zu spüren.

Erklärt wird die starke Zunahme unter anderem mit Massenbeschwerden zu einzelnen Artikeln – etwa über die unsägliche „taz“-Polizisten-Kolumne – und mit der Berichterstattung zur Corona-Pandemie. Selbstredend dürfen da auch die sogenannten „Corona-Skeptiker“ nicht fehlen, die in der eigenen Peer Group gegen die Presse trommeln, wie Sascha Borowski, Sprecher des Presserats, gegenüber der DPA sinngemäß erklärte. Außerdem hätten das Gremium ungewöhnlich viele Beschwerden erreicht, für die der Rat gar nicht zuständig ist.

Das klingt erstmal plausibel. Schließlich erzeugen Kolumnen selten einen derartigen Gegenwind wie die genannte und klar war das Corona-Jahr 2020 keines, das sich mal eben mit anderen Jahren vergleichen ließe. Das lässt sich auch an den Zahlen zur Mediennutzung ablesen. Meine Erachtens reicht derlei als Erklärung aber nicht aus, weil es um mehr geht als die Unzufriedenheit über einzelne Ereignisse.

Dass im vergangenen Jahr über 4000 Beschwerden beim Presserat eingegangen sind, sollte auch als Alarmsignal an den Journalismus in Gänze verstanden werden. Denn obgleich sich die Beschwerden auf konkrete Beiträge beziehen, dürften sie mehr noch auch punktueller Ausdruck einer generellen Unzufriedenheit mit dem deutschen Journalismus sein. Soll heißen: Wenn die Zahl der Beschwerden innerhalb eines Jahres derart rapide wächst, kommt die Branche nicht umhin, sich selbst unangenehme Fragen zu stellen. Etwa, ob sie die Polarisierung der Gesellschaft in Teilen befördert oder tatsächlich derart objektiv mit der Corona-Pandemie umgegangen ist, wie es von ihr erwartet und mehrfach auch eingefordert wurde. Nicht nur von „Corona-Skeptikern“, sondern vielfach auch von ganz „normalen“ Menschen, deren Existenzen im Zuge der Lockdown-Maßnahmen bedroht sind.

Womit wir aber auch zurück bei der Solidarität wären. Wenn beim nächsten Mal wieder jemand dabei ist, objektive Berichterstattung mit subjektiver Darstellung zu verwechseln, eine Kolumnistin sich anschickt, komplett übers Ziel hinaus zu schießen oder ein Online-Redakteur nochmal für den „richtigen Spin“ an einer Headline schraubt, dann sollten spätestens die, die das Ergebnis vor Veröffentlichung abnehmen, bedenken, dass sie nicht allein auf weiter Flur sind, sondern als Teil eines Ökosystems senden. Und das heißt eben auch: Je mehr Vertrauen Einzelne verspielen, desto mehr verliert die gesamte Branche auch an Rückhalt in der Bevölkerung. 

Als die „Achse des Guten“ von Spotify verschwand

Plötzlich war Folge 61 verschwunden. Jene mit dem Titel „Trans-Babies und Pubertätsblocker“, für die „Indubio“-Host Burkhard Müller-Ullrich mit der Publizistin Birgit Kelle gesprochen hat. „Indubio“ ist der Podcast des Autorenblogs „Achse des Guten“ von Henryk M. Broder und Dirk Maxeiner. Kelle wiederum ist bekennende Konservative, laut ihrer Büchertitel aber auch ein „Muttertier“, das sich gegen „Gendergaga“ wehrt. Im Prinzip geht es ihr um Folgendes: Sie kritisiert, dass sich Politik und Gesellschaft einem Gender-Zeitgeist unterwerfen. Mit dramatischen Folgen, findet Kelle. 

Die Podcast-Folge 61 wurde denn auch anlässlich ihres jüngsten Buches, in dem sie sich einmal mehr mit dem Thema auseinandersetzt, aufgezeichnet – und von Spotify bald schon von der eigenen Plattform verbannt. Angeblich wegen Verstoßes gegen die AGB. Doch dabei ist es nicht geblieben. Auch alle anderen Folgen verschwanden bald darauf ganz von Spotify – und damit auch der gesamte Podcast. Irgendwer hatte wohl den roten Knopf gedrückt. Im September 2020 war das. Doch nun, im Februar 2021, ist der Podcast auf Spotify plötzlich wieder abrufbar. Inklusive der Kelle-Folge. Es ist ein Fall, der zeigt, welch Irrsinn in der Löschpraxis der großen Plattformen auch steckt – und wie haarsträubend die Kommunikation drumherum ist.

Das Phänomen an sich ist freilich nicht neu. Die einschlägigen Plattformen lassen schon länger Inhalte oder ganze User verschwinden, weil angeblich gegen irgendwelche Regeln verstoßen wurde. Das mag in Teilen richtig und wichtig sein, in der Summe sind aber auch reihenweise Nutzer und Inhalte betroffen, die in der analogen Welt wahrscheinlich oder ganz sicher von der freien Meinungsäußerung gedeckt wären. 

Besonders perfide: Anstatt sich zu erklären und eine Löschung gegenüber den Betroffenen zu begründen – inklusive Verweis auf den konkreten Inhalt und die konkrete Regel, die damit verletzt wurde – heißt es von Seiten der Plattformen meist nur lapidar, es sei irgendein Verstoß bemerkt oder gemeldet worden. So auch beim „Indubio“-Podcast der „Achse des Guten“ auf Spotify. Das ist in etwa so, als würden Sie einen Strafzettel bekommen, der Ihnen wegen eines angeblichen Verstoßes gegen die Straßenverkehrsordnung zugestellt wurde, ohne, dass darin der konkrete Verstoß benannt ist.

Der Vorteil für Spotify und Co. liegt auf der Hand: Je weniger die Betroffenen über ihre Sperrung wissen, desto schwieriger wird es, sich gegen die Sperrung zu wehren. Und als wäre das nicht schon unschön genug, sind die Chancen, nach der Exkommunikation mit auch nur einem Vertreter der anderen Seite in den Dialog zu treten, äußerst gering; auch als Journalist übrigens.

Wer sich zum Beispiel über das Presseportal von Spotify an das Unternehmen wendet und um Klärung des Falls „Indubio“ bittet – inklusive einer Antwort auf die Frage, wie es Spotify generell mit der Freiheit der Meinung hält – bleibt unbefriedigt zurück. Im Oktober 2020, also nach dem Verschwinden des Podcasts von Spotify, meldete sich die Mitarbeiterin eine Berliner PR-Agentur auf meine Anfrage. Also nicht das Unternehmen selbst, sondern ein Dienstleister.

Anna B. schrieb mir: „Vielen Dank für die Anfrage und Ihr Interesse an Spotify. Als PR-Agentur für Spotify haben wir diese Anfrage erhalten. Spotify möchte sich derzeit nicht an der Thematik beteiligen oder ein Statement dazu herausgeben.“ So kann man das als Plattform machen (lassen). Ist halt nur schlechter Stil – und in der Argumentation obendrein absurd. Denn selbstredend kann man sich an einer Thematik, die man selbst angestoßen hat, nicht nicht-beteiligen.

Es passt allerdings ins Bild. Denn auch bei der „Achse des Guten“ weiß man bis heute nicht so recht, warum Spotify es für nötig hielt, zuerst die Folge mit Birgit Kelle zu canceln und anschließend den gesamten Podcast von der Plattform zu verbannen. Nicht ganz irrelevant dürfte sein, dass Spotify seit geraumer Zeit Anschluss an den „woken“ Zeitgeist sucht, Usern der deutschen Version einen Freund*innen-Feed anzeigt und „Black Lives Matter“-Playlisten kuratiert. Da passt die „Achse des Guten“, vorsichtig formuliert, nicht so recht ins Konzept. 

Und dennoch: Der „Indubio“-Podcast ist nun wieder da. Offenbar, weil die „Achse des Guten“ seinen Dienstleister, der das Format automatisch über die gängigen Plattformen ausspielt, gewechselt hat. Auf Nachfrage spricht „Achse des Guten“-Büroleiter Christoph Kramer vom „Prinzip Chaos“ und auch davon, dass man selbst überrascht sei, dass der Podcast nun wieder vollumfänglich abrufbar ist, inklusive der Kelle-Folge. 

Ob auch Spotify von der Rückkehr überrascht wurde? Und verschwindet der Podcast denn bald wieder wie von Geisterhand? Ich wollte es genauer wissen und habe diese Woche bei Spotify nachgefragt. Vier Monate nach unserem ersten höflichen Kontakt, ist es wieder Anna B. von der Berliner PR-Agentur, die auf meine Anfrage antwortet. Sie schreibt mir: „Vielen Dank für Ihre Anfrage und das damit verbundene Interesse an Spotify. In Rücksprache muss ich Ihnen für die Anfrage allerdings absagen, Spotify möchte sich derzeit nicht an der Thematik beteiligen oder ein Statement dazu herausgeben.“ Hammer wieder gschwätzt, sagt man im Allgäu.