Barack Obama über lügende Politiker: Von richtigen und falschen Schlussfolgerungen

Barack Obama ist ohne Zweifel ein guter, ein aufgeweckter Redner. Im Zusammenhang mit Vorwürfen, andere würden unmoralisch handeln, wäre es allerdings aufrichtig – und eigentlich auch geboten – gewesen, setzte er die Maßstäbe, die er zu Recht an die Politik setzt (eigentlich meint er ja Trump), auch bei sich selbst an. Dazu gehört – etwa im „Sie versprechen Dinge, die sie nicht halten“-Zusammenhang – kritisch und aufrichtig auf die eigene Amtszeit zu blicken, statt es bei einer Anekdote über ein Gespräch zwischen Michelle und ihm über den Abwasch zu belassen, obgleich wunderbar menschelnd. Doch Obamas Bilanz als US-Präsident ist dürftig, was gerne vergessen wird, weil er im Auftritt immer die Art Präsident war, die eine moderne Marketingagentur erfinden würde. Gutes Marketing gestaltet aber nicht die Welt entscheidend um, geschweige denn, dass es dabei hilft, sie zu retten. Gutes Marketing lenkt ab vom Wesentlichen.

Man kann Trump beziehungsweise den Republikanern darüber hinaus nicht vorwerfen, dass sie nur über Einwanderung sprechen würden. Dafür sind die Diskursschauplätze zu – um ein Wort in anderem Zusammenhang als zuletzt gelernt, zu benutzen – zu bunt. Es geht in den Einwanderungsdebatten der vergangenen zwei, drei Jahre aber ohnehin nicht um – wie Obama sagt – „ein paar ausgehungerte Flüchtlinge tausende Meilen entfernt“, sondern um die zentrale Frage, wie die Migrationspolitik der Zukunft gestaltet werden muss und kann respektive muss oder kann, damit die Folgen eben keine negativen sind. Der Flüchtlingstreck in Mexiko, auf den Obama anspielt, ist nur eine von vielen Facetten dieser Debatte. Eine Debatte, die für jene westlichen Gesellschaften, die am stärksten Ziel von Migration sind, eine ganz entscheidende ist, eine zukunftsentscheidende nämlich. En détail weniger für demokratische Ex-Präsidenten als für den gewöhnlichen Arbeiter, versteht sich.

Die Tragik dieser Debatte – und in der Folge auch Ursprung ihrer Hysterie – ist die Erkenntnis, dass in der Migrationsfrage oft nur Entscheidungen getroffen werden können, die nicht umkehrbar sind. Dies schon aus reiner Menschlichkeit. Heiße ich Menschen heute zahlreich willkommen, muss ich ihre zahlreichen Kinder und Enkel morgen ebenso willkommen heißen, kulturelle Prägung inbegriffen. Offene Grenzen waren nie temporär, sie wirken nach. Bis heute und unter Umständen für immer. Diese Unumkehrbarkeit steht zur Debatte, nicht der Ankommende, nicht einzeln und nicht im Treck. Nicht „ein paar Flüchtlinge tausende Kilometer entfernt“. Dies nur am Rande.

Es ist eine Ansprache von Obama, die dennoch nicht schaden kann. Vorausgesetzt jene, die sie teilen, fühlen sich davon lager- und medienübergreifend angesprochen und nehmen dieses und anderes zum Anlass, über das eigene Handeln kritisch zu reflektieren, statt sich auf die Verurteilung der anderen zu beschränken. Vorausgesetzt sie verstehen sie mehr als Ansporn für konsequente Maßstäbe denn als Lob für das eigene, das individuelle Wertesystem. Dann – und nur dann nämlich – bringen derlei pathetische Ansprachen überhaupt etwas. Sie müssen gehört werden, verinnerlicht und am Anfang einer Schlussfolgerung stehen. Möge es die richtige sein.

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Was Medien im Umgang mit Charlottesville beachten sollten

In der Berichterstattung über Charlottesville paart sich Ignoranz mit politischem Lagerdenken. Kausale Zusammenhänge werden verschwiegen, US-Präsident Trump mal wieder ins Fadenkreuz der Medien gezerrt – und kaum jemand scheint zu verstehen, um was es wirklch geht: den gesellschaftlichen Nährboden, auf dem solche Gewaltausbrüche gedeihen können Continue reading „Was Medien im Umgang mit Charlottesville beachten sollten“

Trump: Ein verwässerndes Feindbild

Die Süddeutsche Zeitung is not amused. „Wie versprochen, so gebrochen“, titelte die SZ an diesem Donnerstag und meinte damit den, aktueller Titel, President-elect Donald Trump, der – dreist wie er ist – gegenüber der New York Times plötzlich versöhnliche Worte spricht.

Über Hillary Clinton, die er nun doch nicht ins Gefängnis werfen will, und gegenüber dem scheidenden US-Präsidenten Barack Obama, dem er sogar seinen „Respekt“ aussprach. Ein vermeintlicher „Rechtspopulist“, „Sexist“ und „Rassist“, der einem Schwarzen (!) Respekt zollt und seine am politischen Boden liegende Präsidentschafts-Konkurrentin nicht mehr treten will? Da geht ein Raunen durch das linke Establishment.

Aber für alle unter Verfolgungswahn leidenden Linken kommt es noch schlimmer: Viele sahen doch schon den Weltuntergang voraus. In Trump befürchteten sie einen Wahnsinnigen, der plötzlich oberste Stimme und Entscheider des noch immer mächtigsten Landes der Welt wird, der sein gesamtes Kabinett mit vollbusigen (blonden) Frauen besetzt, alle Migranten aus dem Land wirft, mit dem Ku Klux Klan kooperiert, den dritten, vierten und den fünften Weltkrieg anzettelt, sowas in der Art.

Dass sich Trump im Gespräch mit der New York Times nicht nur mit seinen politischen Gegnern versöhnt, sondern sich auch von der US-amerikanischen „alternativen Rechten“ („Alt-Right“) distanziert, die linke Journalisten in Deutschland – meines Erachtens nach fälschlicherweise – gerne mit der sogenannten „Neuen Rechten“ hierzulande vergleichen, passt da ebenfalls nicht ins Bild. Und auch nicht, dass Trump sich jetzt sogar aufgrund der Personalie Mitt Romney nicht mit den Demokraten, sondern mit „seinen“ Republikanern anlegt.

All das und noch mehr stellt die seit Wochen grölende, schnappatmende Linke vor ein Dilemma: das Feindbild Donald Trump verwässert. Und anstatt einzugestehen, ja, wir haben uns – wie schon bei den Prognosen zum Brexit und zur US-Wahl – mal wieder geirrt, dürfte der ein oder andere eher traurig darüber zu sein, dass Trump doch kein neuer Hitler, oder zumindest kein zweiter Kim Jong Un ist. Klar: Schließlich versucht man doch seit Monaten Zeitungen zu verkaufen, die die Welt in böse (rechts) und gut (links) aufteilen. Wie wir wissen: wenig erfolgreich.

Dass sich, während ich diese Zeilen schreibe, vor meinem inneren Auge ein Bild von einem völlig verzweifelten Giovanni di Lorenzo auftut, der einem verzweifelten, ja, völlig erschütterten Jakob Augstein in den Armen liegt, weil beide nicht mehr wissen, wie sie nun noch die Mär vom Wahnsinnigen im Weißen Haus verbreiten wollen, sei an dieser Stelle gerne erwähnt.

Dabei wäre es für jeden klugen Kopf absehbar gewesen, dass Trump sich nach seiner Wahl weniger – pardon – „populistisch“ äußert, um die Linke zu zitieren, als er es davor getan hat. Und auch, dass es absurd war und ist, zu glauben, dass alles, was im Wahlkampf unter höchster Anspannung hinausgeschrien wurde, auch unweigerlich so eintritt. Und auch, dass Trump ein kompletter Idiot wäre, der nicht zwischen sich als Person und dem Amt als Präsident unterscheiden könnte.

Kurzum: Im Wahlkampf ging es um ihn, Donald Trump, jetzt geht es um ihn, den Präsidenten der Vereinigten Staaten. Trump ist jetzt nicht mehr Wahlkämpfer, sondern Staatsoberhaupt. Dazu gehören Kompromisse, versöhnliche Töne, überlegtes Reden und Handeln. Das weiß Trump.

Mit „Wie versprochen, so gebrochen“ hat der „neue“ Trump also nichts zu tun. Sondern mit der einfachen Feststellung, dass es eben Wahlkampf heißt und nicht Wahlgekuschel. Gerade in den USA, wo der politische Ton schon immer etwas rauer war, lieferten sich Trump und Clinton folgerichtig einen echten Kampf, nicht mit den Fäusten, sondern verbal. Der ist nun zu Ende.

Die USA – und auch das wollten viele Kommentatoren einfach nicht wahrhaben – war eben schon immer ein Land, das viel Wert auf Entertainment legt. Und dazu gehören auch immer raue Töne, bei Trump ebenso wie bei Hillary Clinton, die – von vielen Medien bewusst übersehen – während des Wahlkampfes und noch nie ein Kind von Traurigkeit war.

Und, seien wir mal ehrlich, wäre es nicht wunderbar, wenn es in der Politik auch hierzulande etwas mehr Entertainment und weniger Trauerspiel gäbe? Oder sagen wir mal so: Zumindest wäre etwas mehr Aggression im politischen Betrieb besser als sich in der Löffelchenstellung auf einen Bundespräsidenten zu einigen, wie es SPD und CDU jüngst mit Steinmeier getan haben.

Zugegeben: Ich hatte mich in den vergangenen Wochen auch immer mal wieder gewundert, warum ein Land wie die USA keine besseren, oder sagen wir, eher geeigneten Kandidaten finden als Clinton und Trump. Jetzt muss ich eingestehen: Wenigsten gab es dort zwei echte Kandidaten. Und über die durfte das Volk sogar abstimmen.

Dieser Beitrag ist außerdem auf der „Achse des Guten“ erschienen /  www.achgut.com