Für immer zum Mars

Ein 25-jähriger Potsdamer will die Erde verlassen, um den Roten Planeten zu besiedeln. Vorher muss er sich verabschieden. Es ist eine Reise ohne Rückkehr 

erschienen im FOCUS Magazin

Die Plattenbauten sind frisch gestrichen, der Rasen vor den Häusern gemäht, Betonfassaden verschwinden hinter alten, wunderbaren Bäumen. Die Potsdamer Waldstadt ist ein Vorstadtidyll. Von hier aus scheint Denis Newiaks Vorhaben besonders weit entfernt vom irdischen Leben.

Über die Sprechanlage schallt ein „Hallöchen, ich bin gleich unten“ nach draußen. Wenn es nach Newiak geht, wird er in einigen Jahren ganz oben sein. Bis zu 400 000 000 Kilometer entfernt von seiner Waldstadt. Und er wird nie wiederkehren.

Der 25-Jährige versteckt seine blonden Haare unter einer Kappe. Auf der Ablage seines roten Kleinwagens liegt eine CD mit dem Soundtrack zum Hollywood-Streifen „Gravity“, in dem Sandra Bullock und George Clooney in der Schwerelosigkeit um das Überleben kämpfen. Denis Newiak hat Ähnliches vor.

Er will dabei sein, wenn ab dem Jahr 2025 die erste dauerhafte Siedlung auf dem Mars etabliert werden soll. Newiak und drei Mitstreiter aus dem Raumschiff wären nur die Vorhut. „Mars One“ heißt das Projekt, das eine private Stiftung aus den Niederlanden mit der Universität Twente realisieren will. Unterstützt von Ingenieuren, Wissenschaftlern, Medienmachern und anderen Beratern. Darunter auch der Physik-Nobelpreisträger Gerard ‚t Hooft.

Um Newiaks blaue Augen ist sein Gesicht leicht gerötet. Es ist spät geworden gestern. „Man nimmt sich manchmal viel mehr vor, als man schafft“, sagt er und lacht. Er will die Erde für immer verlassen. Mit drei Fremden, in einer Arche.

210 Tage würde die Überfahrt dauern: von der Erde immer tiefer ins Weltall hinein und immer weiter weg von dem, was die vier Wesen an Bord als ihren Heimatplaneten verstanden. Tausende Stunden Kälte, Schwerelosigkeit, künstliche Lebenserhaltung an Bord würden vor ihnen liegen.

Am Ende der langen Reise und nach den Umlaufbahnen der Zwergmonde Phobos und Deimos, „Furcht“ und „Schrecken“, steht der Landeanflug auf den Mars. Und die sichere Gewissheit: Es gibt kein Zurück, das ist technisch nicht machbar. Die neuen Siedler bleiben hier bis zumTod. Endstation neue Heimat.

Seit Dezember weiß Newiak, dass er im Auswahlverfahren für die Mission eine Runde weiter ist. In ein paar Monaten beginnen die Bewerbungsgespräche. „Der nächste große Schritt für die Menschheit“ lautet der „Mars One“-Slogan in Anspielung auf Neil Armstrongs Worte.

Alle zwei Jahre sollen vier weitere Menschen in die Kolonie kommen, bis sie auf 40 Siedler angewachsen ist. Ein kleines Dörfchen in der Unendlichkeit, finanziert durch Crowdfunding und den Verkauf von Medienlizenzen: Per Live-Stream soll zunächst die Vorbereitungsphase, dann das Leben auf dem Mars ins Wohnzimmer gesendet werden. Big Brother vom Roten Planeten, sagen Kritiker. „Man sollte das ,Mars One‘-Projekt als Menschheitsprojekt begreifen“, sagt Newiak. Denn bei Big Brother ginge es um Voyeurismus und darum, sich über die einquartierten Menschen zu amüsieren. Beim „Mars One“-Projekt stünden „naturwissenschaftliches Arbeiten und politische Dimensionen“ im Vordergrund.

Die Oberfläche des Mars ist nichts als eiskalte Wüste, durchschnittlich minus 55 Grad. Nur einsame Leere, Krater, bis zu sieben Kilometer tiefe Canyons und bis über 20 Kilometer hohe Berge. Der Namensgeber ist ein Kriegsgott, an vielen Tagen scheint der Planet blutrot. Hier werden die Bewerber ihre neue Heimat finden müssen. Und irgendwann den Tod. Eine schreckliche Vorstellung – oder?

Newiak redet über die Frage aller Fragen zu seinem Vorhaben nicht gern. Er tut alles, um davon abzulenken. Er spricht lieber davon, wie das Team auf dem Roten Planeten Wasser aufbereiten kann, sich mit einem Gewächshaus selbst versorgen oder medizinische Behandlungen und technische Wartungen übernehmen. Alles im Alleingang.

„Wir denken, alles hier ist selbstverständlich“, sagt er. „Als würden Nahrung, Kleidung, persönlicher Luxus einfach vom Himmel fallen. Das Projekt soll dazu beitragen, ein neues Verständnis von Ressourcen zu bekommen.“

Von der Erde ist der Mars, je nach Planetenkonstellation, 56 bis 400 Millionen Kilometer entfernt. Newiak wäre dann irgendwo da draußen im Sonnensystem. Zuerst in einer Raumkapsel, dann auf einem fremden Planeten. „Gefühlt in der Unendlichkeit verloren“, sagt er. In einem der größten Abenteuer der Menschheit. Pionierarbeit, Science-Fiction, Raumfahrer sein.

Kindheitsträume sind kleiner.

Über die Mission spricht er trotzdem ohne Euphorie. Ganz ruhig. Erwachsen eben. Er will nicht zeigen, dass es natürlich auch um ihn als Mensch, Abenteuer, Träume vom Unglaublichen geht. Er versteht sich als Botschafter für das Projekt, nicht als Botschafter für Denis Newiaks Träume. „Ich bin doch nur ein Protagonist, das Wichtigste ist die Mission“, sagt er später am Tag.

Normalerweise zieht es junge Leute weg aus Potsdam, rein nach Berlin. Newiak ist hiergeblieben. Sein Vater kommt aus Dresden, studierte zu Ostzeiten in der Ukraine, lernte dort Newiaks Mutter kennen. Deshalb schreibt man Denis mit nur einem n. Gemeinsam kehrten sie nach Deutschland zurück und ließen sich in Potsdam nieder. Newiak hat zwei ältere Schwestern.

Vor zwei Jahren ist er von daheim aus- und wenige Fußminuten weiter eingezogen. „Als Familie kann man sich so besser unterstützen.“ Er weiß: Wenn es tatsächlich für immer zum Mars gehen sollte, würde es ein bitterer, tränenreicher Abschied.

Laut „Mars One“ sind über 200 000 Bewerbungsvideos in Amersfoort, einer Kleinstadt in der Provinz Utrecht, eingegangen. Manche mit Augenzwinkern, hier und da flimmerte ein nackter Spaßvogel über den Bildschirm. 1057 Bewerber plus Newiak sind noch im Rennen. Wenn feststeht, wer in die Kolonie geht, soll das achtjährige Vorbereitungstraining beginnen.

Newiak weiß noch ganz genau, wie er Familie und Freunden von dem Projekt erzählt hat. Und dass er ein Teil davon sein will: von einem Unternehmen, so visionär, so abstrakt, so groß, dass sich sein Ausmaß im Moment nur schwer fassen lässt. Nicht alle seien begeistert gewesen, gibt er zu. Aber: „Sie kennen mich und wissen, dass ich nichts tun würde, wovon ich nicht absolut überzeugt bin.“

Noch hängt Newiak an seiner Heimat. Unter der Humboldtbrücke fließt die Havel so ruhig, dass sie fast stillsteht. In der Ferne leuchtet das Dach des Hans-Otto-Theaters rot. Newiak sitzt am Steuer und referiert über die Modernisierung der Brücke und der Nuthestraße, erzählt von Schulsanierungen und Streitigkeiten rund um den Griebnitzsee. So redet eigentlich einer, der hierbleiben will.

Kurz darauf steht er auf dem Gelände der Uni Potsdam. Auslaufende Parkanlage, alte Backsteingebäude, über allem thront das Neue Palais in mattem Rot mit grüner Kuppel. Eine Kulisse wie für einen tschechischen Märchenfilm. Zwischen Cafeteria und Vorlesungssälen verteilt Newiak sein Studierendenmagazin „speakUP“.

„Wir verstehen uns als Medium, das nicht nur die schönen, bunten Allerweltsthemen bedient, sondern auch das harte politische Business“, sagt er. Demut klingt anders. Vielleicht braucht es ein wenig Größenwahn, wenn man ohne Wiederkehr zum Mars aufbrechen will.

Newiak ist Master-Student, SPD-Mitglied, kandidiert für das Stadtparlament, ließ sich innerhalb eines Vierteljahres zum Straßenbahnfahrer ausbilden. Im Juni hält er sein Seminar über „Glücksforschung“. Er unterrichtet Publizistisches Schreiben an der Uni Potsdam, gibt Tanzstunden, ist ehrenamtlicher Einsatzsanitäter. Nur Auszüge aus seinem Lebenslauf.

Newiak ist einer, der fest in seinem Leben verankert scheint.Viel mehr, als man es von jemandem erwarten würde, der sich auf ein Himmelfahrtskommando machen will. Keine Spur von Einsamkeit, Adrenalin-Junkie oder isolierter Sonderling. Vielleicht ist Newiak nur ein ganz normaler Tausendsassa, der sich für visionäre Vorhaben begeistert.

An der Uni Potsdam steigt er wieder ins Auto und fährt vorbei an der Neustädter Havelbucht und dem Filmmuseum zum Potsdamer Bahnhof. In einem Café zwischen Ticketschalter und Schnellimbiss wartet der 24jährige Toni Reimers. Er und Newiak kennen sich aus Gymnasiums-Zeiten. Oft haben sie gemeinsam dagesessen und tage- und nächtelang über ihre Sicht auf die Welt philosophiert.

Reimers ist Diplom-Mathematiker. In Weste, Schlips, schwarzen Lederschuhen und runder Nickelbrille erfüllt er auf den ersten Blick die Klischees seiner Zunft. Er spricht leiser als Newiak, aber genauso überlegt.

Es folgt ein einstündiger Dialog zwischen den beiden. „Auf der Erde denkt man, je egoistischer man ist, desto besser geht es einem“, sagt Newiak. „Aber das Bewusstsein für gesellschaftliche und wirtschaftliche Probleme steigt“, sagt Reimers. „Wenn Veränderung auf einem Wüstenplaneten funktioniert, dann kann sie auch auf der Erde funktionieren“, glaubt Newiak. „Die Wirtschaft sollte für den Menschen arbeiten, nicht der Mensch für die Wirtschaft“, findet Reimers.Zwei junge Menschen, die alles und jeden in Frage stellen. Weniger sich selbst. Vielleicht hilft eben das, Newiaks Antrieb für die Mars-Mission zu verstehen.

Noch zeigt er keine Spur von Anspannung, keine Ängste oder Zweifel.

Newiak redet lieber über Naturwissenschaften und Psychologie. Darüber, dass auf dem Mars eine neue Gesellschaft entstehen soll. Dass man Dinge, die auf der Erde selbstverständlich geworden sind – wie Wasser oder Lebensmittel -, erst einmal kultivieren muss. Mit den eigenen Händen. Ohne Geld. „Jeder Mensch sucht ein bestimmtes Leben für sich aus, weil er sich darüber selbst erklärt“, sagt er.

Nicht alle für einen, sondern einer für alle. Und alle für die Gemeinschaft, so lautet die Botschaft, die „Mars One“ in Newiaks Augen vermitteln soll. Deshab die Bewerbung, deshalb der Abschied für immer. Vorausgesetzt, das Menschheitsprojekt lässt sich tatsächlich realisieren. Vorausgesetzt, die Zuschauer auf der Erde verlieren nicht bald wieder das Interesse an den paar Siedlern da oben.

Newiaks Freund ist überzeugt von Denis: „Wenn jemand die Mission durchzieht, dann er.“ Und vielleicht hat er am Ende wenigstens versucht, die Welt ein wenig besser zu machen. Vom Mars aus.

 

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