„Es ist ein Vergnügen zu töten, wenn Allah es befiehlt“

Im Norden Nigerias wütet die Terror-Miliz Boko Haram. Ein Ende des Terrors, der in sechs Jahren über 13.000 Menschen das Leben kostete,  ist noch lange nicht in Sicht. Korruption und Verrat fressen sich wie Krebsgeschwüre durch die Gesellschaft, die nördlichen Nachbarländer haben Angst – und Boko Haram will das ganze Land ins Kalifat zwingen

erschienen auf FOCUS Online

Boko Haram bekennt sich zu Massaker,Boko Haram tötete auch Schwangere bei Entbindung, Zehnjährige mit Sprengstoffgürtel auf den Markt geschickt. Das sind nur drei Schlagzeilen der vergangenen Wochen über die Terror-Miliz, deren Name übersetzt so viel bedeutet wie „Westliche Bildung ist Sünde“. Fast täglich kommen weitere hinzu. Erst jüngst richtete die Sekte ein Massaker in einem kamerunischen Dorf an. Der Angriff auf Fotokolim Norden des Landes: Ein Racheakt für eine offensive der tschadischen Armee, die kurz zuvor 200 Boko-Haram-Kämpfer getötet hatte.

Boko Haram scheint entschlossener denn je. So entschlossen, dass sie nicht mehr nur Dörfer angreift, sondern wiederholt auch die Millionen-Metropole Maiduguri, Hauptstadt des Bundesstaates Borno. Dort kämpfen sie nicht nur gegen das Militär, sondern auch gegen bewaffnete Einwohner. Landsleute eigentlich und größtenteils selbst Muslime – allerdings nicht nach dem radikalislamischen Verständis von Boko Haram.

Der Sekten-Gründer Ustaz Mohammed Yusuf war es, aus dessen ideologischer Saat die brutale Terror-Miliz emporwuchs. Ein Prediger, der glaubte, es gebe nur ein einziges Mittel gegen Korruption und Armut in seinem Land: die Scharia. Das islamische Gesetz sieht etwa 40 Schläge bei Alkoholkonsum vor,  Amputation der rechten Hand bei Diebstahl, auch 100 Peitschenhiebe oder die Todesstrafe bei Ehebruch. Strafen und Gesetze, die 1400 Jahre alt sind. Für die Radikalen sind es die einzigen, die befolgt werden müssen.

Tatsächlich waren Forderungen des Sekten-Gründers Yusuf und die seiner Gefolgschaft zwar immer schon radikal, aber in den Anfängen dennoch gewaltfrei. Bis sich die nigerianische Regierung eines Tages entschloss, kompromisslos und brutal gegen die Sekte vorzugehen, die immer mehr Zulauf erhielt.

Im Jahr 2009 wurde Yusuf nach tagelangen Kämpfen zwischen „Boko Haram“ und staatlichen Sicherheitskräften erschossen. Hunderte Menschen starben bei den Schießereien. Die Sekte ging in den Untergrund, wurde zur Terror-Miliz – und schwor Rache. Der Schwur gilt immer noch.

„Boko Haram ist heute ein Tier ohne Kopf“, sagt Emmanuel Franklyne Ogbunwezeh von der „Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte“ (IGFM) im Gespräch mit FOCUS Online. Der gebürtige Nigerianer und promovierte Afrika-Experte kennt sich bestens mit der Terror-Sekte aus, hat hervorragende Kontakte in seiner Heimat. Er sagt: „Boko Haram ist außer Kontrolle.“

Seit dem Tod ihres Gurus kämpft die Terror-Miliz entschlossener und brutaler denn je für ihr Ziel. Eines, das nicht viel Raum für Hoffnung auf ein friedliches Zusammenleben zwischen Christen und Muslimen lässt, die je ungefähr die Hälfte der nigerianischen Bevölkerung stellen: Boko Haram will einen islamischen Staat in Nigeria errichten und alle westlichen Einflüsse ausmerzen. Inklusive Säkularismus und Bildung. Sie nennen sich auch „Sunnitische Bruderschaft in Ausführung des Heiligen Krieges“.

Die gewaltsame Islamisierung soll im muslimisch geprägten Norden beginnen und wie eine Feuerwalze in den von Christen geprägten Süden rollen. „Der Nordosten ist nur der Anfang“, sagt Afrika-Experte Ogbunwezeh.

Über 70 Prozent der Nigerianer sind jünger als 30 Jahre, zwei Drittel der über 150 Millionen Einwohner gelten als arm. Die „Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit“ (GIZ) stellt fest: „Die beachtlichen Erträge aus der Erdölförderung hatten bisher kaum armutsreduzierende Wirkung.“ Die Korruption frisst sich seit jeher wie ein Krebsgeschwür durch Nigerias politische und elitäre Kreise.

Boko Haram fällt es nicht schwer, sich als Ausweg zu präsentieren und immer wieder neue Kämpfer für ihren Glaubenskrieg zu rekrutieren. „Gehirnwäsche ist einfach, wenn die Masse ungebildet ist“, sagt Afrika-Experte Ogbunwezeh. Seiner Erfahrung nach ist das Profil eines typischen Gotteskriegers schnell gezeichnet: Es sind junge, ungebildete Männer ohne Perspektive, die ihre Armut keine Hoffnung auf eine bessere Zukunft lasse: „Und Boko Haram sagt: Die Scharia ist die Lösung eurer Probleme.“Die Terror-Miliz bietet Nigerias verlorenen Söhnen und Töchter ein Zuhause und gibt ihnen zu essen. Sie trichtern dem Nachwuchs ein: Für den Heiligen Krieg im Diesseits, werdet ihr im Jenseits reich belohnt.

Rainer Müller, der eigentlich anders heißt, hatte als einer von wenigen Journalisten Kontakt zu der Terror-Miliz. Aus Sicherheitsgründen will er anonym bleiben. Müller war über eineinhalb Jahre in Nigeria unterwegs. Monatelang hat es gedauert, den Kontakt herzustellen, mehrere Kontaktpersonen waren involviert. „Diese Mittelsmänner gibt es bis in die höchsten Kreise, auch in sämtlichen Ministerien und öffentlichen Einrichtungen. Boko Haram ist Teil des Systems“, sagt er im Gespräch mit FOCUS Online.

Sein Treffen mit zwei Boko Haram-Kämpfern fand in einer Stadt im Norden Nigerias statt, in einem abgedunkelten Hinterzimmer. Ein Demagoge, der auch für die Radikalisierung in muslimischen Gemeinden zuständig sein soll und ein junger Mann, der sich kaum zu Wort meldete, mit Tüchern verhüllt und auf dem Boden sitzend. Die eindeutigste Aussage des „Strategen“, wie Müller ihn nennt: „Du kannst eine Million Menschen töten und trotzdem ein gläubiger Muslim sein. Du darfst sie töten, wenn sie deine Religion angreifen.“

„Ich habe ihn mehrfach gefragt, ob er Blut an den Händen hat“, sagt Müller: „Er ist immer wieder ausgewichen, weshalb es gut möglich ist, dass er getötet hat.“ Denn der Mann sei durch und durch radikalisiert gewesen. Einer mit mittlerem oder höherem Rang bei der Terror-Miliz, schätzt Müller. Einer, der nach seinen Informationen viele Hassprediger unter seinen Fittichen hat und die Richtung vorgibt: „Er glaubte durch und durch an das, was er tut.“

Für den Westen sind Gut und Böse schnell ausgemacht. Die radikale Terror-Miliz und ihre Gräueltaten auf der einen Seite. Auf der anderen Seite eine Regierung, die gegen die Miliz kämpft. Aber: „Die Regierungstruppen sind korrupt“, sagt Müller. Als westlicher Journalist wurde er mehrfach verhaftet, stundenlang verhört, einmal flüchtete er im Schutz der Dunkelheit aus einer Stadt, weil der Inlandsgeheimdienst „SSS“ hinter ihm her war. Westliche Journalisten dürfen aus dem Norden nicht berichten – während dort Waffen der Regierungstruppen über Zwischenhändler in die Hände der Terror-Miliz gelangen.

Wenn Boko Haram plündert, Banken überfällt oder sich die Freilassung von Geiseln teuer bezahlen lässt, bekommt jeder Kämpfer ein Stück vom Kuchen. Doch der Preis auf der anderen Seite ist hoch. In den vergangenen Jahren starben bei Anschlägen und Angriffen der Terror-Miliz mindestens 13.000 Menschen. Nicht nur Soldaten und Sicherheitskräfte wurden ermordet. Auch Kirchgänger, weil sie Christen waren, Schulkinder und Lehrer, weil sie Christen oder gemäßigte Muslime waren. Ganze Dörfer wurden ausgerottet, weil der Wahnsinn, den die Kämpfer von Boko Haram leben, keine Grenzen kennt.

Die Organisation „Open Doors“, die sich weltweit für verfolgte Christen einsetzt, stellt fest: „Nigeria belegt Platz 10 auf dem Weltverfolgungsindex.“ Und weiter: „Das Ausmaß von Druck und Gewalt gegen Christen ist höher als je zuvor.“ Die meisten Opfer der Boko Haram sind allerdings selbst Muslime, sagt der Afrika-Experte Ogbunwezeh: „Es ist der reinste Zynismus.“

„Es ist sicher kein Religionskrieg, weil die Gemeinschaften dort über Jahrhunderte friedlich zusammenlebten“, sagt Müller, der Journalist. Er hält es allerdings für möglich, dass die Spannungen in Nigeria noch weiter zunehmen und sich in einem Krieg mit zwei konfessionellen Fronten entladen könnten: Christen auf der einen, Muslime auf der anderen Seite.

Gut gegen Böse? „Nein“, sagt Müller: „Ich kenne viele Muslime, die Christen völllig unvoreingenommen begegnen. Umgekehrt habe ich aber auch christliche Gemeinschafts-Führer getroffen, die sagen, dass ihre Gruppen mit größter Brutalität vorgehen, schon mal einen Nachbar durch das Dorf jagen, töten und hinterher essen.“ Manche glauben, so überträgt sich die Stärke des Getöteten auf einen selbst.

Zurück zu Boko Haram: In einigen Teilen des Nordens hat die Terror-Miliz die Kontrolle übernommen. Längst drohen die Nachbarländer Kamerun, Tschad und Niger langfristig ins Visier der Dschihadisten zu geraten. Vor allem in Kamerun häufen sich die Anschläge. Afrika-Experte Ogbunwezeh sagt: „Boko Haram ist von einem nigerianischen zu einem westafrikanischen Problem geworden, aber auch der Westen muss helfen.“ Er meint die USA, aber auch Deutschland.

Doch der Westen zögert und noch mehr: Erst jüngst wurde eine Zusammenarbeit zwischen den USA und dem afrikanischen Land sogar auf Eis gelegt. Die Vereinigten Staaten hatten Ausbilder geschickt, die ganze Bataillone auf einen westlichen Standard bringen sollten.

Doch auch Nigeria zögert: „Die Regierung will sich nicht eingestehen, dass sie im Kampf gegen Boko Haram versagen“, glaubt Afrika-Experte Ogbunwezeh. „Präsident Goodluck Jonathan schafft es ja nicht einmal, Regierungsmitglieder vor Gericht zu bringen, die Boko Haram unterstützen.“ Warum nicht? „Das müssen Sie ihn fragen!“

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