Wieviel Identität braucht der Mensch?

Vom Oktoberfest in München bis zum Ochsenrennen in Münsing tragen die Männer Lederhosen und die Frauen Mieder. Vom Herzoglich Bayerischen Brauhaus am Tegernsee bis zur kleinsten Brauerei im bayerischen Hinterland wird nach dem Reinheitsgebot gebraut. Am 1. Mai tanzt man rein, zu Blasmusik – und je größer der Gamsbart am Trachtenhut, desto stattlicher der Bursche.
Wohl nirgendwo in der Bundesrepublik wird Tradition und Brauchtum mehr gepflegt als in Bayern, wofür der Freistaat bewundert wie verspottet, kritisiert wie bejubelt wird. Letzteres vor allem von Italienern und Australiern, die einzig der Wiesn wegen nach München pilgern.
Selbstredend prallen das Gestern, das Heute und das Morgen im südlichsten Bundesland Deutschland stark aufeinander. Mal spaßig, etwa bei der sogenannten „Volxmusik“, einer Mischung aus Volksmusik und Pop. Mal absurd, wenn die erwähnten Australier in Plastiktracht ins Bierzelt stolpern. Mal unvereinbar, wenn – wie im Jahr 2015 geschehen – der Brauch des Fensterlns an der Universität Passau verboten wird. Die Gleichstellungsbeauftragte wertete den Brauch als sexistisch.

Wie die Weißwurst vor dem zwölften Glockenschlagen
Die Entscheidung des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, in allen Ämtern und Behörden christliche Kreuze aufhängen zu lassen, ist in einer langen Liste von Kollisionen nur die jüngste ihrer Art. Wenn auch eine, die – wie die Causa Fensterln – unter die Rubrik „unvereinbar“ fällt.
Die eine Perspektive, die der CSU und ihrer Unterstützer, klingt so: Der christliche Glaube sei eng mit der bayerischen Tradition verbunden. Ein Gottesdienst, etwa im Rahmen eines Schützenfestes oder zum Oktoberfest, gehöre ebenso zum echten Bayern wie das obligatorische Wirtshaus im Dorfkern oder die Weißwurst vor dem zwölften Glockenschlagen. Demnach sei ein Kruzifix an der Wand vor allem ein Ausdruck der „geschichtlichen und kulturellen Prägung Bayerns“ (CSU).
Die Gegenposition liest sich so: Mit dem Vorstoß instrumentalisiere Söder die Religion, grenze Muslime, Atheisten, Juden aus und zeige, wie er zur Trennung von Kirche und Staat stehe. Grünen-Politikerin Claudia Roth, bekanntlich nie um moralische Zurechtweisung verlegen, sprach gar von einem „in hohem Maße unchristlichen, unanständigen Verhalten“.
Auf den ersten Blick ist diese Kreuz-Debatte eine sehr bayerische. Schon deshalb, weil so ein Vorstoß wohl nur in Bayern möglich wäre. Doch es geht um mehr: den schmalen Grat zwischen Tradition und Folklore und um Spannungsfelder zwischen Weltoffenheit und Zugehörigkeitsgefühl, zwischen Fremdem und Bekanntem, Nahem und Fernem. Und um die Frage, wieviel Identität der Mensch braucht? Viel, findet gleichwohl Markus Söder.

Zwischen Fremdem und Bekanntem
In Bayern mag der Boden beben, die Epizentren liegen anderswo. In Berlin, wo eine Bundeskanzlerin im Jahr 2015 eine folgenschwere Entscheidung über die deutsche Grenzsicherung traf. In Brüssel, wo ganz offen von den Vereinigten Staaten von Europa geträumt wird. Ebenso wie in der Globalisierung und Digitalisierung, die mehr Fragen als Antworten mit sich zu bringen scheinen. Und an vielen anderen Orten und in vielen anderen Entwicklungen, die die Menschen des 21. Jahrhunderts umtreibt, und denen der Konservative als Bewahrer immer skeptisch gegenübersteht und immer gegenüberstehen wird. Dieses Bewahrende äußert sich in dieser Debatte nicht passiv, sondern aktiv, indem Söder zur Tat ruft – und schlägt deshalb so hohe Wellen.
„An Äußerlichkeiten lässt sich die Zugehörigkeit zu einer Nation kaum noch feststellen. Umso wichtiger sind die empfundene und die tatsächliche Zugehörigkeit zu unserem Staat, zu unserer Gesellschaft. Mit ihr manifestiert sich ein Identitätsgefühl“, sagt der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck. Die Frage in der „Causa Kruzifix“ in Bayern ist demnach wohl nur, ob das Identitätsgefühl mit dem Kreuze kommt – oder geht.

Dieser Text ist leicht veränderter Form auch im aktuellen DER PEUTINGER – Bayerischer Monatsspiegel und Beilage des WirtschaftsKurier – erschienen.

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