…damit der Debattenkultur wieder Flügel wachsen

In Bayern stehen am Sonntag die Landtagswahlen an. Wie schon vor der Bundestagswahl kursieren im Netz daher allerlei Videos, in denen Prominente – vorwiegend aus zweiter oder dritter Reihe, aber auch ein Bully Herbig etwa – davor warnen, die Alternative für Deutschland (AfD) zu wählen. Kuratiert etwa von der Facebook-Seite Künstler mit Herz. Was diese Videos eint, ist, dass sich die Sendenden innert kürzester Zeit gerne selbst widersprechen. Zum einen werben sie richtigerweise für Vielfalt und Dialog, auch für die Vielfalt der Meinungen mitunter. „Weil mich das weiter bringt“, sagt etwa Eisi Gulp, Schauspieler und Kabarettist von Beruf, der eben diese Auseinandersetzung mit dem Fremden meint, auch mit fremden Standpunkten. Eine gute Botschaft, eigentlich.

Andererseits: Dann kommt Gulp auf die AfD zu sprechen, schwadroniert über „Dumpfbacken“ und „puren Rassismus“ und „hasserfüllte Hetztiraden“, die sich in dieser Partei komprimierten (was freilig bedeutet, dass alle AfD-Mitglieder rassistische Dumpfbacken sind). Auch der obligatorische Verweis auf die NS-Zeit darf nicht fehlen. Ein Verweis, der nicht nur unfair selbst gegenüber einer gerne provozierenden AfD ist, sondern in allerletzter Konsequenz auch den Holocaust verharmlost. Oder glaubt Gulp allen Ernstes, dass die AfD Genozide plant, Muslime in Gaskammern schicken will? Und gibt es mit Blick auf das AfD-Programm nicht mehr als genug Angriffsfläche, um auf das – mitunter pathologisch anmutende – Herbeireden eines drohenden neuen Dritten Reiches, das schon an den Reichstag klopft, verzichten zu können? Ich meine schon.

Das Problem derlei zwiespältiger Botschaften ist, dass durch sie keine Entschärfung eines gesellschaflichen Konflikts – der sich längst durch Familien und Freundeskreise zieht – näher rückt, sondern denselbigen weiter verschärft. Und verschärfte Konflikte bringen verschärfte Positionen mit sich, was am Ende allen schadet, die an einer echten, einer aufrichtigen Debatte interessiert sind. So zu tun als sei der Ausschluss einer demokratisch legitimierten Partei ein demokratischer Akt, gar ein Akt der Vielfalt, ist außerdem offenkundiger Blödsinn. Unabhängig davon, was man von der AfD en dé­tail halten mag.

Es wäre wahrlich zielführender, die richtigen Für-etwas-Botschaften zu senden, die Welt nicht in Schwarz und Weiß zu teilen, nicht in Wir-gegen-Die-Gebilde, nicht in Freund und Feind und nichts dazwischen. Zielführend ist einzig, sich für den offenen Dialog insgesamt stark zu machen, Rückschläge inklusive. Dazu gehört, sich im Netz oder im wahren Leben nicht nur abzugrenzen von Rechtsradikalen, von denen es in der AfD zweifellos welche gibt, sondern auch ausdrücklich von Linksradikalen, von denen es zweifellos bei den Linken und den Grünen welche gibt, und überhaupt von Menschen, deren primärer Beitrag darin besteht, andere zu denunzieren und zu diskreditieren. Derlei Gschwerl findet man wiederum überall. Abgrenzen wohlgemerkt, nicht ausgrenzen, wie es zuhauf mit der AfD geschieht, auch jüngst mit der „Junge Freiheit“ auf der Frankfurter Buchmesse, oder mit kritischen Journalisten auf rechten Veranstaltungen.

Wer den Dialog will, wer die Debattenkultur zurück will, der darf sie nicht nur einfordern, der muss sich ihr aufrichtig stellen, auch und gerade in der eigenen Filterblase. Der muss sich zur Wehr setzen gegen Akteure, deren Meinungsäußerungen sich auf dumpfe Hashtags oder selbstgerechtes Gebaren von „Die Guten und die Bösen“ oder „Die Reflektierten und die Naiven“ beschränken, auch wenn’s anstrengt. Oberstes Ziel demokratischer Kräfte kann weiß Gott nicht sein, dass die AfD nicht in den Bayerischen Landtag gewählt wird. Es gibt nichts Demokratischeres als freie Wahlen. Oberstes Ziel muss sein, dass der Debattenkultur wieder Flügel wachsen, dass Ideologien in den Hintergrund treten, Zahlen und Fakten in den Vordergrund. Bei Migrationsfragen ebenso wie bei Fragen, die Umwelt betreffend, den Tierschutz, die Forschung und anderes. Ziel muss sein, dass sich die wenigen Schubladen, in die seit 2015 viele Menschen gesteckt wurden, wieder schließen.

Auf Applaus von jenen zu setzen, die der eigenen Meinung entsprechen, ist nicht mutig und hat auch nichts mit Haltung zu tun, ein Wort, das seit geraumer Zeit ohnehin gnadenlos abgenutzt wird. Mutig ist, sich selbstbewusst, aber fair den Positionen des anderen zu stellen, wenn nötig auch in Unterzahl und auf fremdem Territorium, an Bücherständen ebenso wie in den von links dominierten Hörsälen der Universitäten dieses Landes oder auf Veranstaltungen der Neuen Rechten. Wirklich einen Dialog zu führen, ihn führen zu wollen, statt nur darüber zu reden und anderen aus der Ferne alles denkbar Unschöne vorzuwerfen. Mut bedeutet auch anzuecken, wenn nötig in der eigenen Filterblase; weil der politische Zweck eben nicht alle Mittel heiligt – und weil längst mehr auf dem Spiel steht als ein bisschen Applaus aus den eigenen Reihen.
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