Wenn die Zeit vergeht

Nur der Gesang des Mittelmeeres war zu hören, wenn die Wellen gegen die weißen Kalksteinfelsen rauschten. Es war früher Nachmittag, kurz nach 14 Uhr, und die Sonne brannte vom hellblauen ägäischen Himmel herab. Die Hitze hatte ihren Zenit erreicht und das alte, rostige Thermometer an der Hauswand, die früher weiß war und heute vergilbt und fleckig, zeigte 41 Grad Celsius. 

In der Ferne ragte der südlichste Zipfel der Türkei wie ein halber, übergewichtiger Riese aus dem Meer, und der alte Georgius, der mit  seinen tiefen Falten und dem ledrigen Gesicht noch älter aussah als er ohnehin schon war, saß auf einem weißen Plastikstuhl unter einem Sonnenschirm mit Blick auf das Meer und prostete dem Riesen zu. Manchmal tat er das einfach so und seine Frau hatte es immer als gutes Zeichen gedeutet. “Irgendwann werden wir alle wieder Brüder und Schwestern sein, die Griechen und die Türken”, hatte sie dann gesagt. So oft, dass Georgius irgendwann ebenso angefangen hatte, an einen unerschütterlichen Frieden zu glauben und dass dieser irgendwann einmal kommen musste. 

Das Wasserglas, das Georgius in seinen großen Händen hielt, war zu drei Vierteln mit Ouzo gefüllt. Der eine Eiswürfel, den Georgius seit Jahrzehnten in den Ouzo tat, damit dieser trüb wurde und so den Anschein erweckte, es handle sich um eine sanfte Mischung für ein normales Glas zur Mittagshitze, war fast abgeschmolzen. Georgius wusste nichts vom Klimawandel oder von schmelzenden Polkappen, aber wenn er davon gewusst hätte, hätte ihn der schmelzende Eiswürfel vielleicht an schmelzende Polkappen erinnert. Obgleich es ihm wohl egal gewesen wäre.

Denn von derlei Dingen verstand Georgius nichts und es störte ihn auch nicht weiter, dass er von derlei Dingen nichts verstand. “Rede nur, wenn du gefragt wirst, und auch dann nur so lange, wie du wirklich etwas beizutragen hast, Skylópsaro”, hatte seine Frau zu sagen gepflegt, wenn sich Georgius Zunge an fröhlichen Abenden lockerte und er entgegen seines Naturells redete wie ein Wasserfall. Für Menschen, die Georgius besser kannten, war dies stets einer der Höhepunkte eines jeden Treffens und manch ein Freund – vor allem der dürre Nikolaos und seine Ehefrau, die dicke Aikaterine – legten es nur allzu gerne darauf an, Georgius Zunge mit Wein und Ouzo zu lockern.

“Ganz ruhig, Skylópsaro, mein Seebär”, pflegte Georgius Frau dann immer zu flüstern, während sie ihm liebevoll den Unterarm streichelte. “Ganz ruhig, mein Seebär. Vergiss nicht: Rede nur, wenn du gefragt wirst, und auch nur dann und nur so lange, wie du wirklich etwas beizutragen hast”. Georgius war ihr dafür immer sehr dankbar gewesen. Oft reichte es aus, wenn seine Frau ihm den Arm streichelte und nichts flüsterte. Dann fühlte Georgius das Streicheln auf seiner ledrigen Haut und wusste, was es zu bedeuten hatte, und wenn er konnte, hörte er auf zu reden, was ihm fast immer gelang. 

Neulich ging es darum, dass sein Dorf sich den Touristen noch stärker öffnen müsse, weil von den paar Touristen, die sich auf die schöne Insel verirrten, und der Fischerei niemand mehr leben konnte. So hatte es der Bürgermeister gesagt. “Dann müsst ihr länger fischen und weiter draußen und mehr Fische fangen”, sagte Georgius wütend. “Wir sind eine ehrliche, eine gute Insel, eine traditionelle Insel. Wir sind nicht wie Mykonos. Wollt ihr wirklich Mykonos sein?”, hatte er gefragt und er hatte es so oft gefragt, dass er mit den jüngeren Bewohnern aneinander geriet. “Geld, Geld, Geld. Immer höre ich nur Geld hier und Geld da, aber was ist mit uns? Was ist mit eurem Stolz als aufrichtige Griechen? Ihr seid Griechen ohne Stolz”, hatte Georgius irgendwann geschrien und das kleine Rathaus am Rande des Tópos Eleftherías, dem Platz der Freiheit, mit hochrotem Kopf verlassen. 

Über diesen Abend grübelte er seitdem häufig und lange. Und obwohl er zu stolz war, um sich für seine Meinung als aufrechter Grieche jemals zu entschuldigen, tat es ihm dennoch leid. Georgius wusste, dass alle nur wollten, dass es ihnen auf ihrer schönen Insel besser ging als zuletzt. Georgius schenkte sich noch etwas Ouzo ins Glas und verzichtete auf den Eiswürfel. Er wusste, dass er von derlei Themen, von Themen wie Tourismus und Gewinn, nichts verstand. Und Georgius wusste, dass er nicht über Dinge reden sollte, von denen er nichts verstand. Doch der einzige Mensch, der ihm das hätte sagen können, lag seit dem Frühling in einem weißen Grab, das nicht vergilbt war und auch nicht fleckig vom Dreck, auf einem kleinen Hügel unweit von Pythagorio. Ein schönes, ein weißes Grab. 

Die Hitze hatte ihren Zenit erreicht und Georgius prostete dem dicken Riesen zu, der aus dem Meer ragte. Das alte, rostige Thermometer an der Hauswand, die früher weiß war und heute vergilbt und fleckig, zeigte 41 Grad Celsius. Er prostete dem Riesen zu und lauschte. Nur der Gesang des Mittelmeeres war zu hören, wenn die Wellen gegen die weißen Kalksteinfelsen rauschten. 

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