Eine Begegnung im Zug

Vor meinem Zugfenster kündigte sich der Spätfrühling an und einzig in den größten Schatten der größten Bäume ruhten widerspenstig Enklaven von Eis und Schnee. Die Sonne aber drückte schwerfällig durch die grauen Wolken, und wenn sie wichen, kam ihnen die Sonne bedrohlich nahe. Der Winter war vorüber und die Natur erwachte wieder zum Leben.

„Vor zwei Wochen kam der Winter nochmal wieder und plötzlich lag hier überall Schnee. Und scheißkalt war es; scheißkalt“, hörte ich eine raue Stimme sagen, die klang wie die Stimme eines alten Matrosen. Ich drehte meinen Kopf und blickte in ein altes Männergesicht, das ein hellgrauer, wild wachsender Vollbart zierte. Es war ein ernstes, aber freundliches Gesicht, aus dessen Falten man viele Lebensjahre hätte lesen können, so wie man aus den Ringen alter Bäume ihr Alter lesen kann.

Der Alte trug eine dunkelgraue Baskenmütze, wie ich sie nur von Malern oder Résistance-Kämpfern in den einschlägigen Weltkriegs-Epen kannte. Eine Kopfbedeckung wie sie in kriegsfreien Zeiten nur alte Männer und Kommunisten tragen können. Seinen Bauch unter der hochgezogenen Cordhose hielten ausgeblichene Hosenträger im Zaum, die sich eng über das karierte Hemd spannten. „Meins ist der Winter ja nicht”, sagte der Alte.

Ich setzte michaufrecht und streckte mit zwei, drei Bewegungen den restlichen Schlaf aus meinem Körper. „Meins ist der Winter auch nicht”, sagte ich.

Der Alte lag groß und rund in seinem Sitz. „Ich mag den Schnee, wenn er fällt, aber den Winter, den mag ich nicht. Nicht, wenn der Schnee nur daliegt und schmilzt und der Himmel grau ist. Ich mag den Winter besonders nicht, wenn an wärmeren Wintertagen vom Schnee nur der Dreck bleibt”, sagte der Alte.

„Ein Glück nur, dass auch der Dreck nicht bleibt”, sagte ich.

Der Alte nickte. „Ich kann mich noch gut an die Winter meiner Kindheit erinnern. Das waren lange Winter, viel länger als die Winter heute sind. Viel länger als der Winter im vergangenen Jahr, obwohl der sehr lang war und sehr kalt. Damals fiel der Schnee und fiel. Es war immer weiß draußen, über Wochen und Monate, und der Schnee wurde nie zu Dreck. An einem Tag war der Schnee noch da, weiß und schön, und am nächsten Tag war er einfach verschwunden. Solange er aber noch nicht verschwunden war, waren wir jeden Tag draußen im Schnee und spielten und bauten Schneemänner“, sagte der Alte. Er formte mit seinen großen, ledrigen Händen Schneebälle aus Luft.

Ich blickte aus dem Fenster und auf die Enklaven aus Schnee und Eis, die rarer wurden je weiter wir voran kamen. „In der Stadt sieht man nur selten Schneemänner“, sagte ich.

„Wir haben früher Schneemänner gebaut, die waren groß wie echte Männer. Und das mit nicht viel mehr als etwas trockenem Brot im Magen, wenn überhaupt. Manchmal hatten wir nur Sauerrampfer im Magen, den wir vom Feld pflückten und zum Frühstück aßen. Uns war kalt und wir haben gegen die Kälte Schneemänner gebaut. Heute sind alle satt und keiner friert mehr. Aber vor die Tür trauen sie sich nicht mehr, sobald der Winter richtig kommt. Man könnte sich ja erkälten und die lieben Kleinen erst…“. Sein Stimme wurde dumpfer und der Rest war nur Genuschel.

Der Alte kramte umständlich in der rechten Innenseite seiner Jackentasche und zog einen silbernen Flachmann hervor. Auf der Vorderseite der Pulle waren Buchstaben eingraviert, halb umrahmt von einem Lorbeerkranz oben und drei gleich langen, waagrechten Strichen darunter. Der Alte nahm einen tiefen Schluck und bot auch mir einen an. Es war kurz nach zehn Uhr morgens und ich nahm an.

Der Schnaps lief erst langsam meine Speiseröhre hinunter und ich konnte jeden Zentimeter spüren. Dann folgte ein Ruck wie ein Schreck, der das Zeug schlagartig im ganzen Körper verteilte, als würde ein Geist in mich fahren. Ich verzog das Gesicht, wie ich es immer verzog, wenn ichSchnaps trank.

„Ein guter Tropfen. Ein selbstgebrannter Tropfen aus der Gegend. Und die selbstgebrannten Tropfen sind noch immer die besten”, sagte der Alte zufrieden. Wir schwiegen eine Weile. „Wo soll’s denn hingehen, mein Junge?“, fragte er schließlich.

Ich überlegte, ob es angebracht war, einen Mann Mitte 30 „Junge“ zu nennen. „Weiter nach Süden”, antwortete ich.

Der Alte nickte. „Süden ist eine gute Richtung. Ganz egal, was sich ändert und wie stark sich alles ändert. Richtung Süden ist immer eine gute Richtung.“ Er klopfte mit der rechten Faust auf seine linke Brust. Wir unterhielten uns eine Weile über den Süden, über das Meer und wie schön es doch war, bei Nacht am Meer zu sitzen und das Rauschen der Wellen auf sich wirken zu lassen. Wir tranken noch einen Schluck.

„Was hat es mit dem Flachmann auf sich?“, fragte ich nach einer Weile, bemüht, nicht allzu neugierig zu klingen.

„Eine Erinnerung an einen alten Freund“, sagte der Alte wehmütig.

„Ein alter Freund?“, fragte ich.

Seine Mine hellte sich wieder auf. „Ein Hurenbock und Tunichtgut, das sag ich dir. Einer, wie ihn die Welt kein zweites Mal gesehen hat, aber einer, den man gerne bei sich hat, wenn’s drauf ankommt.“

„Worauf?”, fragte ich betont naiv, um mehr zu hören.

„Auf dies und das. Wenn man in eine Prügelei gerät oder dich einer übers Ohr hauen will. Sowas halt”, sagte der Alte, während er die Luft boxte, die er eben noch zu Schneebällen geformt hatte.

„Klingt nach einem feinen Kerl“, sagte ich

„Fein ja“, sagte der Alte und lachte. “Fein, aber seit Jahren mausetot. Totgesoffen hat er sich. Aber nicht wie die kaputten Alkis, die ihr Leben nicht im Griff haben und immer aussehen, als würde der Tod sie gleich holen. So einer war der nicht“, sagte der Alte, und grölte, dass der Waggon bebte.

„Sondern?“, fragte ich und lachte mit.

„Ein Teufelskerl. Der Mann war in dem einen Moment noch völlig besoffen und fröhlich, im nächsten Moment war er tot; als wäre Gott in die Kneipe gekommen und hätte ihn einfach ausgeknipst; wie man das Licht mit einem Lichtschalter ausknipst. Hell. Dunkel. Lebendig. Tot. Aber ich schwöre dir, der Hurenbock sah sogar als Leiche noch fröhlich aus.“

Ich fragte nach seinem Namen.

„Ach, sein Name“, winkte der Alte ab, „sein Name tut doch nichts zur Sache. Er hätte Karl, Peter oder Mohammed heißen können, und es täte nichts zur Sache”.

„Woher kanntet ihr euch?“, fragte ich stattdessen.

„Ich habe den Kerl in einer Bar kennengelernt. Der stand da einfach rum, mittags, und erzählte lautstark von einer Prügelei am Vorabend. Ich dachte zuerst, da steht ein Aufschneider, so wie der lautstark erzählte. Aber der war kein Aufschneider. Der alte Hurenbock erzählte von einem ehrlichen Faustkampf, heftig, aber ehrlich, aber nicht von seinem Sieg…”. Der Alte boxte die Luft  und machte eine dramaturgische Pause, die etwas zu lang dauerte: „…sondern von seiner Niederlage“.

Ich blickte ihn ungläubig an.

„Ich verarsch‘dich nicht, ehrlich nicht”, sagte der Alte in ernstem Ton. „Der Typ erzählte so fröhlich und aufgeregt von seiner Niederlage, wie ein kleines Kind von einem Tag im Legoland erzählt. Der andere Kerl, der Gewinner, der hatte ihn beeindruckt. Und ich war von dem Typ beeindruckt, dem das Gesicht ramponiert wurde und der das irgendwie gut fand.“

Ich nickte.

„Also“, fuhr der Alte fort, „stellte ich die ein oder andere Frage, spendierte ihm das ein oder andere Bier, während er mir die Geschichte noch einmal im Detail und viele andere Geschichten erzählte. Eine lange Nacht war das. Und so kam eins zum anderen und wir wurden Freunde. Wir wurden die besten Freunde und wir waren es Jahre lang. Bis eines Tages Gott in die Kneipe kam und ihn ausknipste. Hell. Dunkel. Lebendig. Tot. Den Flachmann habe ich ihm als Erinnerung aus der Tasche gezogen, bevor der Krankenwagen eingetroffen ist.“

„Ohne Unterbrechung? Die Freundschaft, meine ich“, fragte ich etwas umständlich, was ich auf den Schnaps am frühen Morgen schob.

„Unsinn“, sagte der Alte, „selbstverständlich gab es die, die Höhen und Tiefen, die Langstrecken und Kurzstrecken. Es gab Streitereien und noch mehr gab es Frauen, die sich zwischen uns stellten; keine Frau spielt gerne die zweite Geige, Junge. Merk dir das.”

„Fein“, sagte ich und dachte wieder darüber nach, ob es angemessen war, einen Mann um die 30 mit „Junge“ anzusprechen.

„Aber, und darauf kommt es am Ende nur an, wir haben uns immer wieder zusammengerauft, weil beste Freunde das tun. Da lässt man sich nicht hängen, nur, weil die Zeit gerade eine andere ist. Und schon gar nicht lassen dich Freunde wegen einer Frau hängen. Richtige Freunde liegen neben dir im Schützengraben, wenn die Hölle losbricht. Und sie decken dich, wenn du dich in die Kneipe schleichen musst. Das ist Freundschaft“, sagte er.

Vor seinem Fenster eilte ein Fluss vorbei, auf dessen gegenüberliegender Seite sich ein goldgelber Kiesweg schlängelte, und weiter hinten Nadelwälder über mittelgroße Berge wuchsen. Vor meinem Fenster fuhren wir vorüber an knochigen Bäumen, die aus Gräsern ragten, die mehr tot als lebendig aussahen. In den Pfützen des Moores aber, bemerkte ich, in diesen glatten Pfützen zwischen den toten Gräsern und den hölzernen Knochen, umstellt von den leblosen Büschen, spiegelte sich die Sonne wieder und kleine Wellen, die eine leichte Brise machte, ließen die Sonnenstrahlen auf den Pfützen tanzen.

„Wenn ein Freund stirbt, dann hält ihn deine Erinnerung lebendig. Merk dir das, Junge“, sagte der Alte und reichte mir den Flachmann. Ich nickte und nahm dankend an. Der Winter war endlich vorüber.

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.