Feigheit hat viele Facetten

„Der Feige droht nur, wo es sicher ist“, heißt es in Goethes „Torquato Tasso“. Damit dürfte er recht haben. Welch‘ ein Glück also, dass Goethe noch nichts von Twitter wusste. Denn in dieser von der Realität mittlerweile doch arg distanzierten Parallelwelt rotten sich regelmäßig einige Empörte zusammen, um ihre Anliegen vom heimischen Sofa aus derart zu artikulieren, dass es dem nüchternen Beobachter vor lauter Kopfschütteln den Nacken verzieht. Womit wir bei Audi wären – und der Frage, warum ein Werbungtreibender – Gott sei`s geklagt – nicht einfach mal zu einem harmlosen Werbemotiv stehen kann?

Das Motiv non grata, meinen manche, um das es hier geht, ist dieses: kleines Mädchen lehnt an Kühlergrill und isst Banane. Nun dürfte der Kommunikationsbranche bekannt sein, dass ein Motiv nur funktioniert, wenn es beim Betrachter eine Emotion auslöst. Einerseits habe ich in dem Zusammenhang das Defizit, dass ich mich für Autos so begeistern kann wie für das chinesische Fußball-Duell zwischen Shanghai SIPG und Tianjin Teda; also gar nicht (kein Führerschein, nie gemacht). Andererseits bin ich in meinen 30ern, womit der Effekt einhergeht, dass in meinem Freundes- und Bekanntenkreis derzeit viele kleine Ellas und Finjas geboren werden. Letztere etwa kam mir beim Betrachten des Motivs in den Sinn, was dazu führte, dass mein Gefühl als Betrachter eher ein wohliges war („süß!“).

Doch wie das so ist in der Welt – vor allem in der digitalen –, war das bei anderen ganz anders. Die einen fühlten sich angeblich nicht an Ella und Finja erinnert, sondern an Lolita, also das Mädchen aus dem gleichnamigen Roman von Vladimir Nabokov, in dem der Ich-Erzähler über seine amouröse Beziehung zu einer anfangs Zwölfjährigen schreibt. Die anderen dachten angeblich an über 3000 Verkehrstote jährlich, und fanden es deshalb verantwortungslos, dass ein kleines Mädchen vor einem Kühlergrill eines – ich möchte es nur erwähnt haben – parkenden Autos steht. Und schon war der nächste Shitstorm geboren.

Machen wir uns nichts vor: Die Vorwürfe, die sich Audi in dem Zusammenhang anhören muss, sind hanebüchen. Das wissen auch einige der Nutzer, die diese mitformuliert haben. Doch es geht in diesem Fall – und in vielen anderen Fällen ebenso – nicht um begründete Kritik, sondern um die höhere Sache. Darum nämlich, dass da einige nur darauf warten, dass ein Automobilhersteller – oder irgendwer anders, den sie nicht mögen – irgendwas tut, das man nur konsequent genug abstrahieren muss, um sich selbst einen Anlass für die eigene Empörung zu schaffen.

Das hat, meine ich, viel mit Langeweile zu tun, mit der Trägheit des Geistes vielleicht, ganz sicher aber damit, dass einige wenige bestimmen wollen, was gerade en vogue zu sein hat und was gefälligst weg gehört. Macht kaputt, was euch kaputt macht. Da ergeht es Werbemotiven nicht anders als Markennamen und CEOs. Die große Tragik dieses kurzen Kapitels der Shitstorm-Geschichte findet sich dennoch nicht bei den Empörten, sondern ist bei jenen zu suchen, die das nötige Rückgrat vermissen lassen; bei jenen, die lieber um Vergebung bitten als den Eiferern die Tür zu weisen.

Das ist – wenig überraschend – auch bei Audi der Fall: Das beworbene Auto sei ein Familienwagen, heißt es nun, der über verschiedene Fahrassistenz-Systeme und einen Notbrems-Assistenten verfüge. Man habe ausdrücken wollen, dass sich alle Verkehrsteilnehmer dank der im Auto verbauten Technologien sicher fühlen könnten: „Das war ein Fehler“. Machen wir uns weiter nichts vor: Auch Audi weiß, dass die jüngsten Vorwürfe hanebüchen sind, und knickt dennoch ein. Feigheit hat eben viele Facetten.

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