Was darf der Journalist?

Da, wo’s zu weit geht, fängt die Freiheit erst an. Der Satz stammt nicht von mir, sondern von dem Kabarettisten Werner Finck. Ich habe ihn jüngst irgendwo gelesen und in mein Langzeitgedächtnis eingelagert; in die gleiche Schublade, in der sich auch Rosa Luxemburgs Zitat über die Freiheit des Andersdenkenden und Hajo Friedrichs über guten Journalismus findet. Zeitlose Aussagen allesamt, die auch ohne Kontext wirken, weil sie gut sind und wahr. Sie helfen außerdem, meinen Job als Journalist in hypersensiblen Zeiten wie diesen ein bisschen einfacher und erträglicher zu machen.

Denn leider ist ständig irgendwer wegen eines kritischen Beitrags entweder beleidigt, gekränkt oder empört. Der Pianist Igor Levit etwa zeigte sich kürzlich „getroffen“ von einer Polemik über ihn in der Süddeutschen Zeitung. Postwendend wurden gleich die schweren Geschütze aufgefahren, inklusive eines Antisemitismus-Vorwurfs gegen den Autor. Die Virologin Sandra Ciesek wiederum reagierte erst ziemlich souverän, twitterte hinterher aber, sie sei „irritiert“ von den Fragen zweier Spiegel-Journalistinnen gewesenDie hatten Ciesek in einem Interview damit konfrontiert, eine Quotenfrau zu sein. Und der Journalist Hajo Schumacher wird nun wegen eines Interviews mit der FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin gesteinigt, weil er in seinen Fragen weibliche Stereotype bedient haben soll.

Was hier wie dort wirklich sexistisch oder sonst irgendwie „istisch“ war, lässt sich freilich nicht final klären. Entscheidend scheint mir aber ohnehin etwas anderes zu sein. Folgende Frage: Wer hat eigentlich das Recht, zu bestimmen, was Journalisten dürfen – und was nicht? Medienkritik ist zu Recht fester Bestandteil einer gesunden Debattenkultur. Denn freilich sind Journalisten nicht davor gefeit, voreingenommen, unsauber oder sonst irgendwie fehlerhaft zu berichten. Deshalb ist es nicht nur legitim, sondern sogar wünschenswert, dass sich die Menschen kritisch mit Medien auseinandersetzen. Im Idealfall übrigens nicht nur mit jenen, die sie ohnehin nicht mögen, sondern auch mit denen, die die Welt in ihrem Sinne sehen und beschreiben.

Wenn aber einzelne Protagonisten, ihre Twitter-Fanbase oder irgendwelche Randgruppen bestimmen wollen, was und wie der Journalist zu schreiben oder zu fragen hat, wird eine Grenze überschritten. Denn wer diktieren will, will eingreifen. Und wer eingreifen will, greift bisweilen auch an. Das zeigte sich jüngst auch im Umfeld der „Querdenken“-Proteste, als wiederholt Pressevertreter attackiert wurden. Sie mögen nun vielleicht einwerfen, dass das eine nicht mit dem anderen vergleichbar sei. Dann sage ich: Sie irren. Beides, das penetrante Diktieren wollen und das konsequente Verteufeln, sind nur zwei unschöne Auswüchse ein und desselben Ungeistes. Beides hat totalitäre Züge. Wenn Journalisten nur als Erfüllungsgehilfen betrachtet und bei Missfallen zum Abschuss freigegeben werden, wird das zum Problem für eine freie Gesellschaft. Wer sollte also bestimmen, was der Journalist darf – und was nicht? Ich meine: Im Zweifel für die Pressefreiheit.

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