Trump und Twitter: ein bisschen Oligarchie, ein bisschen Inquisition

Wir im Westen lieben die Querulanten, die Whistleblower und Oppositionellen. Wir lieben Menschen wie Alexei Nawalny, Malala Yousafzai, Can Dündar, Joshua Wong oder Ai Weiwei. Wir lieben sie, weil sie aufbegehren. Für Demokratie- und Meinungsfreiheit. Ja, dafür lieben wir sie, aber noch mehr lieben wir uns dafür, dass wir sie lieben, und als barmherzige Samariter, die wir nunmal sind, an die stolz geschwellte Brust drücken. Denn am deutschen, pardon, am westlichen Wesen soll bekanntlich die Welt genesen. 

Doch so sehr wir im Westen uns als freiheitlich, aufgeklärt und fortschrittlich begreifen, so voraufklärerisch und provinziell wird es dann doch, wenn die Querulanten aus den eigenen Reihen kommen. Etwa, weil sie mit Mentalitäten und Meinungen aufwarten, die jeden woken Vertreter der Generation Z in seine triggerfreie Zone flüchten lassen. Die Reaktion lässt dann entweder nicht lange auf sich warten: Unser täglich Shitstorm gib’ uns heute. Oder die Reaktion lässt eben genau so lange auf sich warten, wie es die eigene Feigheit zulässt. Zum Beispiel bis ans Ende einer Amtszeit. Womit wir bei Twitter, Facebook und anderen wären. 

Was ist Fakt, was Blödsinn? 

Mein geschätzter Kollege Tobias Singer hat an dieser Stelle gestern einen Meinungsbeitrag zur Exkommunikation Donald Trumps von den sozialen Medien veröffentlicht. Er findet den Schritt richtig und überfällig und schreibt unter anderem: “Die Sperrung stellt uns aber vor wichtige Fragen, die endlich geklärt werden müssen.” Da gebe ich ihm recht, allerdings aus anderen Gründen. Denn so wie die Sache mit dem Kapitol ein Angriff auf die Demokratie war – ebenso wie die Ausschreitungen am Rande der Amtseinführung Donald Trumps übrigens, an die sich kein US-Demokrat mehr so recht erinnern mag – so ist es auch ein Angriff auf selbige, dass Donald Trump von Twitter verbannt wurde. Immerhin (noch) amtierender und demokratisch gewählter Präsident der Vereinigten Staaten. 

Die Fragen, die endlich geklärt werden müssten, lesen sich, meine ich, daher so oder so ähnlich: Sollte eine vermeintlich aufgeklärte Gesellschaft zulassen, dass die neuen Oligarchen, die Macher hinter den sozialen Medien und Suchmaschinen, bestimmen, wer im öffentlichen Diskurs wie stattfinden darf und wer nicht? Was sagt das über unsere Zivilisation aus, dass in der nach der Dampfmaschine wohl revolutionärsten und liberalsten Erfindung der Menschheitsgeschichte heute fröhlich gelöscht, gesperrt und zensiert wird? Und was sagt es zudem über unser Vertrauen in die eigene Spezies aus, wenn wir ihr nicht mehr zutrauen, selbst zu erkennen, was falsch ist, was richtig, was Fakt, was Blödsinn? 

Die neuen Oligarchen

Die Verbannung Trumps von vor allem Twitter sehen übrigens auch einige gänzlich Unverdächtige kritisch. Sie haben nämlich verstanden, dass es nicht im Detail darum geht, was Trump in den vergangenen vier Jahren getwittert hat, sondern um den Akt der Löschung an sich. Darum, was derlei Vorgänge für die ohnehin brüchigen westlichen Gesellschaften bedeuten, in denen sich Frontlinien längst mitten durch Familien ziehen und Menschen zum Schafott geführt werden, weil sie sich erdreisten, mit der “falschen Seite” zu sprechen. Darum, dass man Trump als Symbolfigur eines riesigen Teils der amerikanischen Gesellschaft einfach abschaltet. Und das ausgerechnet in einem Medium, in dem Abermillionen tagtäglich Wirres und Irres twittern. 

Insofern ist der Akt der Löschung Trumps nicht nur ein Angriff auf die Demokratie, er wirft auch ein Schlaglicht auf das Selbstverständnis der neuen Oligarchen, die, mit nach den Maßstäben des 21. Jahrhunderts gottähnlichen Möglichkeiten ausgestattet, auf Knopfdruck passend machen, was ihnen nicht passt, und verschwinden lassen, was nicht sein darf. Abrakadabra löschen sie die Welt, wie es ihnen gefällt, bestimmen die Regeln des Diskurses und auch, wer an diesem Diskurs teilhaben darf und wer gefälligst verbannt gehört. Und weil das so ist, kommt mir gerade das Treiben der Inquisition im Mittelalter in den Sinn, und ich frage mich, ob sich Trump schon glücklich schätzen darf, dass er nur gelöscht und nicht zum Scheiterhaufen geführt wird? Aber zurück zum Thema. 

Wichtige Fragen, Mangel an Antworten

Zu den Kritikern der Maßnahme gegen Trump gehört etwa der russische Dissident Nawalny, der die Löschung einen Akt der Zensur nennt. Sogar die Bundeskanzlerin kritisierte, wenn auch vorsichtig über ihren Sprecher. Und die Chefredaktion des “Wall Street Journal” schrieb gar von einer “progressiven Säuberung”. Nun haben wir, gottlob, in Deutschland noch keine derartigen Verhältnisse, dass man von einer “Säuberung” sprechen könnte. Mal abgesehen davon, dass der Begriff bei uns historisch bedingt sicherlich ein anderer wäre. Und dennoch gibt es sie auch bei uns, die Versuche, Meinungen einzuschränken, Fälle von Cancel Culture und Deplattforming (siehe hier).

Jüngeres Beispiel aus Deutschland: Vor einigen Wochen wurde der gesamte Podcast der “Die Achse des Guten” von Spotify verbannt, nachdem dort zunächst nur ein Interview mit der Publizistin Birgit Kelle gelöscht worden war. Sie hatte sich unter anderem kritisch über den Gender-Sprech geäußert, der mittlerweile auch bei Spotify praktiziert wird und in Teilen auch bei uns. Auf MEEDIA-Nachfrage wollte sich Spotify damals übrigens nicht zu dem Vorgang äußern – und auch nicht dazu, auf Grundlage welcher Verstöße zuerst das Interview mit Kelle und dann der gesamte Podcast gelöscht wurde. Von der Achse bis Trump: Wichtige Fragen gibt es viele. Wäre schön, auch ordentliche Antworten zu bekommen. 

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